Angst gehört zum menschlichen Leben: Sie ist eine natürliche Reaktion, die uns vor Gefahren warnen und schützen soll (Quelle: dgppn.de). Doch wenn die Angst überhandnimmt und ohne reale Bedrohung auftritt, spricht man von einer Angststörung. Bei einer Angststörung empfindet der Betroffene übermäßige und anhaltende Angst oder Panik, die seine Lebensqualität deutlich beeinträchtigen kann. Diese Störungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen – Schätzungen zufolge entwickeln rund 15–25 % der Menschen irgendwann in ihrem Leben eine behandlungsbedürftige Angststörung (Quelle: dgppn.de). Typische Symptome sind anhaltende Sorgen, starke Nervosität, körperliche Anzeichen wie Herzrasen oder Schweißausbrüche und ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten gegenüber angstauslösenden Situationen. In dieser Einführung erfahren Sie, was Angststörungen sind, warum sie entstehen können und welche Formen und Behandlungsmöglichkeiten es gibt. Ziel ist es, einen verständlichen Überblick zu geben, damit Sie dieses Thema der psychischen Gesundheit besser verstehen.
Die Entstehung von Angststörungen ist meist multifaktoriell. Das heißt, es wirken mehrere Ursachen und Hintergründe zusammen – psychologische, biologische und auch gesellschaftliche Faktoren. Im Folgenden beleuchten wir diese Aspekte:
Negative Erfahrungen und Trauma: Häufig liegen Angststörungen in belastenden Erlebnissen begründet. Traumata wie Gewalt, Missbrauch oder Unfälle in der Kindheit erhöhen das Risiko, später eine Angststörung zu entwickeln (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). Auch andauernder Stress oder prägende negative Erfahrungen (z. B. Mobbing) können Ängste begünstigen. Unser Gehirn lernt in solchen Situationen, bestimmte Reize mit Angst zu verknüpfen.
Lerntheorie und Vermeidungsverhalten: Aus psychologischer Sicht spielen Lernprozesse eine wichtige Rolle. Wenn jemand z. B. in einer Menschenmenge eine Panikattacke erlebt, vermeidet er künftig vielleicht Menschenmengen – aus Angst, es könne wieder passieren. Dieses Vermeidungsverhalten hält die Angst jedoch aufrecht. Denn indem man die angstauslösende Situation meidet, nimmt man sich die Chance zu erfahren, dass eigentlich keine Gefahr besteht (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). Negative Lernerfahrungen (etwa wiederholte Misserfolge) können so einen Teufelskreis aus Angst und Vermeidung entstehen lassen. Auch bestimmte Persönlichkeitseigenschaften wie hohe Empfindlichkeit oder “ängstliches” Temperament in der Kindheit (sogenannte Verhaltenshemmung) machen anfälliger für Angststörungen (Quelle: msdmanuals.com).
Gedanken und Überzeugungen: Oft spielen auch gedankliche Muster mit hinein. Übermäßiges Grübeln, Katastrophendenken (immer vom Schlimmsten ausgehen) oder ein dauerhaftes Gefühl von Kontrollverlust können Ängste verstärken. Wer seine körperlichen Symptome fehlinterpretiert („Mein Herz stolpert, ich bekomme bestimmt einen Herzinfarkt!“) steigert damit die Angst. Solche gedanklichen Verstärker werden in Therapien gezielt bearbeitet, um aus dem Kreislauf auszubrechen.
Genetische Veranlagung: Die Forschung zeigt, dass Angststörungen in Familien gehäuft auftreten. Bestimmte Gene können eine erbliche Veranlagung schaffen, die das Risiko erhöht (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). So kommt es bei eineiigen Zwillingen häufiger vor, dass beide eine Angsterkrankung entwickeln, als bei zweieiigen Zwillingen (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). Allerdings ist kein einzelnes „Angstgen“ verantwortlich – vielmehr wirken viele Gene zusammen. Die Genetik allein entscheidet aber nicht: Oft werden „schlafende“ Angstgene erst durch Umweltfaktoren oder Stress aktiviert (ein Prozess, den die Epigenetik untersucht) (Quelle: dgppn.de). Mit anderen Worten: Die Veranlagung kann da sein, aber ob tatsächlich eine Angststörung entsteht, hängt stark von den Umständen ab.
Veränderte Gehirnfunktionen: Biologisch spielen Veränderungen im Gehirn und im Neurotransmitter-System eine wichtige Rolle. Angst und Panik entstehen u. a. in der Amygdala (dem Angstzentrum im Gehirn) und werden durch Botenstoffe beeinflusst. Bei Angstpatienten wurde ein Ungleichgewicht bestimmter Neurotransmitter festgestellt (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org): Häufig sind Serotonin, Noradrenalin und Gamma-Aminobuttersäure (GABA) aus der Balance. Serotonin und Noradrenalin wirken stimmungs- und angstregulierend – ein Mangel oder ein Ungleichgewicht kann Ängste begünstigen (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). GABA ist ein beruhigender Botenstoff; wenn er zu wenig wirkt, fehlt der „Dämpfer“ auf die Angst. Zudem zeigen Hirnstudien, dass bei Betroffenen oft die Angstschaltkreise überaktiv sind – Gefahrensignale werden schneller und intensiver ausgelöst als normal. Eine überempfindliche Amygdala kann z. B. harmlose Reize als bedrohlich einstufen. Diese neurobiologischen Faktoren erklären, warum Angststörungen auch körperlich verankert sind und nicht allein durch „Willenskraft“ abgestellt werden können.
Unsere Umgebung und Gesellschaft formen mit, wie viel Angst wir erleben. Stress und Leistungsdruck in der modernen Welt sind mögliche Auslöser: Hohe Erwartungen in Ausbildung und Beruf, Konkurrenzdruck und das ständige Funktionieren müssen führen bei vielen zu chronischer Anspannung. Wenn man das Gefühl hat, den Ansprüchen nie gerecht zu werden, kann aus Druck leicht Angst vor dem Versagen werden.
Soziale Medien und Vergleich: Auch die Dauerbeschallung durch soziale Medien kann Ängste fördern. Ständig sehen wir scheinbar perfekte Leben anderer – das kann das eigene Selbstwertgefühl untergraben und Sorgen verstärken („Bin ich gut genug? Habe ich etwas verpasst?“). Studien deuten darauf hin, dass intensive Social-Media-Nutzung mit einer Zunahme von psychischen Problemen wie Depressionen und Angst einhergehen kann (Quelle: aok.de). Insbesondere junge Menschen fühlen sich durch Online-Vergleiche unter Druck gesetzt, was zu Unsicherheitsgefühlen und sozialer Angst beitragen kann.
Krisen und Umweltfaktoren: Gesellschaftliche Krisen haben ebenfalls Einfluss. Die COVID-19-Pandemie ist ein Beispiel: Lockdowns, Isolation und die ständige Sorge vor Ansteckung haben Ängste in der Bevölkerung messbar erhöht. Besonders bei Jugendlichen führten Kontaktbeschränkungen zu sozialer Angst und Zukunftsängsten (Quelle: ndr.de). Ebenso können wirtschaftliche Unsicherheit, Kriege oder Klimakrise Angst und Stress auslösen, selbst wenn man nicht direkt betroffen ist – einfach durch die überwältigende Präsenz dieser Themen.
Kulturelle Unterschiede: Schließlich spielt auch die Kultur eine Rolle dabei, wie Angst erlebt wird. Kultur beeinflusst, wovor Menschen Angst haben und wie sie darüber sprechen (Quelle: msdmanuals.com). In manchen Kulturen werden psychische Probleme stark stigmatisiert, sodass Betroffene ihre Angst vielleicht eher als körperliches Problem beschreiben („nervöser Magen“ o. ä.), anstatt offen von Angstzuständen zu reden. Die Erwartungen der Gesellschaft können ebenfalls variieren: Während in westlichen Ländern z. B. die soziale Phobie meist die Angst vor peinlichem Auftreten beinhaltet, gibt es in Ostasien auch Formen von sozialer Angst, bei der Betroffene vor allem fürchten, andere zu beeinträchtigen oder zu beleidigen (Quelle: de.wikipedia.org). Solche kulturellen Einflüsse bestimmen mit, wie eine Angststörung sich zeigt und ob Betroffene Hilfe suchen.
Angststörung ist ein Oberbegriff – es gibt verschiedene Arten von Angststörungen, die sich in ihren Auslösern und Symptomen unterscheiden. Hier stellen wir die häufigsten Formen vor:
Die Generalisierte Angststörung ist durch dauerhafte, vielfältige Sorgen gekennzeichnet. Betroffene grübeln ständig über Alltagsdinge wie Gesundheit, Finanzen, Familie oder Beruf, und zwar in einem Ausmaß, das nicht mehr kontrollierbar ist. Selbst wenn gerade kein konkretes Problem vorliegt, besteht eine innere Anspannung und das Gefühl, dass jederzeit etwas Schlimmes passieren könnte. Körperliche Symptome sind oft Unruhe, muskuläre Verspannung, Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel oder Schlafstörungen. Dieses ständige „Angst-Grundrauschen“ schränkt den Alltag erheblich ein. Viele mit GAS fühlen sich erschöpft und gereizt, weil die anhaltende Sorge sehr viel Energie kostet. Wichtig: Diese Ängste sind generalisert, das heißt nicht auf ein spezifisches Objekt oder eine Situation bezogen, sondern allgegenwärtig. Oft wissen Betroffene, dass ihre Sorge übertrieben ist, können sie aber kaum abstellen.
Bei einer Panikstörung erleben Betroffene wiederkehrende Panikattacken – plötzliche Angstanfälle, die meist ohne Vorwarnung auftreten. Eine Panikattacke ist ein intensiver Angstanfall mit starken körperlichen Reaktionen: Herzrasen, Brustschmerzen, Atemnot, Schwitzen, Zittern, Schwindel und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren oder sterben zu müssen. Viele Betroffene denken in dem Moment, sie hätten einen Herzinfarkt oder „werden verrückt“. Eine Attacke erreicht ihren Höhepunkt meist innerhalb von Minuten und klingt dann ab. Was die Panikstörung ausmacht: Nach solchen Attacken entwickelt sich häufig die Angst vor der Angst – ständige Sorge vor weiteren Panikattacken. Aus Furcht vor neuen Anfällen vermeiden manche bestimmte Orte oder Situationen (z. B. Menschenmengen, öffentliche Verkehrsmittel), was ihren Bewegungsspielraum einschränken kann. Treten Panikattacken in bestimmten Situationen auf, kann sich eine Agoraphobie (Platzangst) dazugesellen – die Angst vor Situationen, in denen im Notfall keine Hilfe erreichbar ist. Panikstörungen zählen zu den am stärksten einschränkenden Angststörungen, weil sie Betroffene in ständige Alarmbereitschaft versetzen.
Die soziale Angststörung – früher oft soziale Phobie genannt – ist die intensive Angst vor Bewertung und peinlichen Situationen in sozialen Kontakten. Betroffene haben extreme Angst davor, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen oder negativ aufzufallen. Alltägliche Dinge wie vor anderen zu sprechen (z.B. eine Präsentation halten), an einer Gruppenunterhaltung teilzunehmen oder sogar mit Fremden zu telefonieren, lösen starke Angst aus. Typisch sind Sorgen wie „Was, wenn ich mich blamiere?“ oder „Alle werden merken, dass ich nervös bin“. Körperlich kommt es zu Erröten, Zittern, Schwitzen, Magenproblemen oder Blackouts – was die Angst noch verstärkt, weil man glaubt, andere könnten diese Symptome bemerken. Aus Scham und Furcht ziehen sich viele mit sozialer Phobie zurück, vermeiden Partys, Treffen oder sogar Ausbildungs- und Jobchancen, die mit anderen Menschen zu tun haben. Damit isolieren sie sich jedoch zunehmend, obwohl sie sich oft nach sozialer Zugehörigkeit sehnen. Soziale Angststörungen beginnen meist in der Jugend und ohne Behandlung kann die Angst vor dem sozialen Miteinander ein Leben lang bestehen bleiben.
Wichtig zu wissen: Soziale Angst ist mehr als nur Schüchternheit. Sie kann einen Teufelskreis aus Vermeidung und Selbstabwertung auslösen. In einigen Kulturen äußert sie sich unterschiedlich – in westlichen Ländern steht oft die Angst im Vordergrund, sich selbst lächerlich zu machen, während in anderen Kulturen eher die Angst dominieren kann, durch eigenes Verhalten andere zu verletzen oder Schande über die Familie zu bringen (Quelle: de.wikipedia.org).
Eine spezifische Phobie richtet sich – wie der Name sagt – auf eine bestimmte Sache oder Situation. Die Bandbreite ist groß: Es kann die Angst vor Tieren sein (z.B. Spinnen, Schlangen, Hunden), vor Naturereignissen (Gewitter, Wasser), vor Höhe oder Enge, vor Spritzen oder Flugzeugen, um nur einige zu nennen. Bei einer Phobie genügt oft schon der Gedanke an das gefürchtete Objekt, um intensive Angst auszulösen. Sie äußert sich durch Panikgefühle, Herzklopfen, Schwitzen, Fluchtimpuls – bis hin zu voll ausgeprägten Panikattacken. Betroffene wissen in der Regel, dass ihre Furcht objektiv übertrieben oder unbegründet ist, können sie aber trotzdem nicht kontrollieren.
Beispiele häufiger Phobien sind:
Neben diesen Beispielen gibt es noch weitere Angststörungen, z.B. Agoraphobie (Angst vor öffentlichen Orten, oft verbunden mit Panikstörung) oder Selektiven Mutismus (eine bei Kindern auftretende Angst, in bestimmten Situationen zu sprechen). Auch posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Zwangsstörungen waren früher den Angststörungen zugeordnet, werden heute aber als eigene Krankheitsbilder betrachtet. Wichtig ist: Egal in welcher Form sich eine Angststörung zeigt, sie ist ernst zu nehmen, denn für die Betroffenen ist die Angst real und belastend. Zum Glück sind alle diese Störungen gut behandelbar, wenn man sich Hilfe holt.
Manche Ängste scheinen uns angeboren zu sein – selbst ohne negative Erfahrung reagieren viele Menschen instinktiv mit Furcht auf bestimmte Dinge. Diese Urängste haben oft einen evolutionären Hintergrund. Unsere frühen Vorfahren lebten in einer gefährlichen Umwelt; diejenigen, die vorsichtig gegenüber bestimmten Bedrohungen waren, überlebten eher und gaben ihre Gene weiter (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). So sind in unserem Gehirn Mechanismen verankert, die uns auf gewisse Ur-Gefahren besonders schnell reagieren lassen. Hier ein Blick auf einige evolutionär bedingte Phobien und ihre möglichen Ursprünge:
Die ausgeprägte Angst vor Spinnen – Arachnophobie – gilt als klassisches Beispiel für eine evolutionär geprägte Furcht. Obwohl die meisten Spinnen in Mitteleuropa harmlos sind, löst schon ihr Anblick bei vielen Menschen Ekel und Fluchtimpulse aus. Wissenschaftler vermuten, dass diese Abneigung tief in unserer Entwicklungsgeschichte verwurzelt ist (Quelle: mpg.de). Tatsächlich hat eine Studie des Max-Planck-Instituts gezeigt, dass bereits sechs Monate alte Babys eine Stressreaktion zeigen, wenn sie Bilder von Spinnen (oder Schlangen) sehen (Quelle: mpg.de). In dem Alter hatten die Kinder noch keine Gelegenheit, Angst vor Spinnen zu lernen – die Reaktion scheint also angeboren zu sein. Die Forscher schlussfolgern, dass die Angst vor Spinnen einen evolutionären Ursprung hat (Quelle: mpg.de).
Warum gerade Spinnen? Spinnen (und auch Schlangen) lebten bereits seit 400–600 Millionen Jahren neben unseren frühen Säugetier-Vorfahren (Quelle: mpg.de). Einige Arten waren giftig oder gefährlich. Über diesen enorm langen Zeitraum konnte sich das schnelle Erkennen dieser Tiere als Überlebensvorteil ins Gehirn einprägen (Quelle: mpg.de). Wer bei einem krabbelnden Achtbeiner instinktiv zurückschreckte, hatte bessere Chancen zu überleben. Unsere heutige Amygdala (das Angstzentrum) springt daher bei Spinnenmustern besonders rasch an. Natürlich entwickelt nicht jeder automatisch eine Phobie – doch wir alle haben eine erhöhte Aufmerksamkeit für Spinnen. Weitere Faktoren wie persönliche Erfahrungen können dann dazu führen, dass aus dem angeborenen Unbehagen eine voll ausgeprägte Arachnophobie wird (Quelle: mpg.de). Interessant ist auch, dass starke Angst der Eltern vor Spinnen sich auf Kinder übertragen kann – teils durch Nachahmung, teils möglicherweise durch genetische Veranlagung einer empfindlicheren Angstreaktion (Quelle: mpg.de). Insgesamt betrachtet zeigt Arachnophobie, wie Urzeit und Erbe unsere heutigen Ängste mitformen.
Ähnlich wie die Spinnenangst ist auch die Schlangenphobie (Ophidiophobie) weit verbreitet – und lässt sich evolutionär erklären. Schon Primaten in freier Wildbahn haben spezifische Alarmrufe für Schlangen, was andeutet, dass diese Angst tief sitzt. Für Frühmenschen stellten giftige Schlangen eine lebensbedrohliche Gefahr dar. Ein einziger Biss konnte tödlich sein. Daher war es ein Selektionsvorteil, Schlangen schnell zu erkennen und instinktiv Abstand zu halten. Wie bei Spinnen reagieren viele Menschen heute selbst in Ländern ohne Giftschlangen mit starkem Unbehagen, wenn sie eine Schlange sehen oder auch nur daran denken. Die bereits erwähnte Studie mit Babys zeigte ja, dass die Kleinen bei Schlangenbildern ebenso gestresst reagierten wie bei Spinnenbildern (Quelle: mpg.de). Unser Gehirn scheint also regelrecht programmiert, Schlangen als potentiell gefährlich einzustufen. Evolutionär sinnvoll: Lieber einmal zu viel Angst vor einer Schlange haben als einmal zu wenig. Natürlich können auch Schlangenphobien erlernt sein – etwa durch einen Schreck in der Kindheit. Aber die schnelle, oft irrational starke Furcht vor Schlangen deutet darauf hin, dass hier ein Urinstinkt am Werk ist.
Viele Menschen verspüren Unbehagen oder Schwindel in großer Höhe – bei manchen entwickelt sich daraus die Höhenangst (Akrophobie). Auch diese Angst hat einen offensichtlichen Nutzen: Sie schützt vor Leichtsinn in potenziell tödlichen Situationen. Schon Babys und Kleinkinder zeigen eine angeborene Vorsicht vor Abgründen – in Experimenten krabbeln sie nicht über eine Glasplatte, die Tiefe vorgaukelt (Quelle: netdoktor.de). Aus evolutionärer Sicht war es überlebenswichtig, nicht zu nah an Klippen oder hohe Äste zu gehen, um Abstürze zu vermeiden (Quelle: netdoktor.de). Ein gewisses Maß an Respekt vor Höhe ist also normal und in uns allen vorhanden. Zur Phobie wird es, wenn die Angst übersteigert ist – etwa dass man nicht mal mehr auf eine Leiter steigen kann, obwohl sie sicher ist. Dann hat der eigentlich schützende Urinstinkt über das Ziel hinausgeschossen. Interessant: Menschen ohne jegliche Höhenangst hätten früher womöglich öfter Unfälle gehabt, während Vorsichtige sich eher fortpflanzten. So könnte sich Höhenangst in mildem Grad genetisch verbreitet haben. Allerdings kann eine starke Akrophobie natürlich auch durch ein Schlüsselerlebnis (z.B. einen Sturz) erworben werden. Im Kern erinnert uns Höhenangst aber daran, dass unser Körper Höhen als Gefahr wahrnimmt – ein Erbe aus der Zeit, als ein Fehltritt den Tod bedeuten konnte.
Die Angst im Dunkeln (manchmal Nyktophobie genannt) kennen viele aus der Kindheit: Monster unterm Bett, unheimliche Geräusche in der Nacht. Doch dieses Unbehagen hat ebenfalls rationale Wurzeln. In der Urzeit lauerten nachts Raubtiere und andere Gefahren, während der Mensch selbst im Dunkeln fast blind ist. Unsere Vorfahren, die bei Einbruch der Dunkelheit vorsichtig waren und Schutz suchten, hatten bessere Überlebenschancen. Daher ist eine gewisse Angst oder zumindest Wachsamkeit in der Dunkelheit angeboren. Bei Erwachsenen kann sich das als mulmiges Gefühl äußern, wenn man nachts alleine durch einen Wald geht – obwohl man weiß, dass kein Löwe mehr hinter dem nächsten Baum lauert. Für manche Menschen wird diese Urangst allerdings so stark, dass sie im Dunkeln panische Angst entwickeln (z.B. nicht ohne Licht schlafen können oder bei einem Stromausfall extreme Furcht empfinden). Evolutionär gesehen macht es Sinn: Nachts waren wir verletzlich, also war Angst ein sinnvoller Alarm. Heutzutage braucht man in der eigenen Wohnung normalerweise keine Angst im Dunkeln zu haben – aber unser primitives Gehirn hat das nicht vergessen. Deshalb ist Dunkelangst gerade bei Kindern häufig. Mit der Zeit lernen viele, dass keine tatsächliche Bedrohung vorhanden ist. Wenn nicht, kann therapeutische Hilfe unterstützen, die tief verankerte Furcht zu überwinden.
Diese Beispiele zeigen: Einige Phobien haben tiefe Wurzeln in unserer Evolutionsgeschichte. Früher halfen sie uns, zu überleben – heute können sie übertrieben auftreten und zur Belastung werden. Das Wissen um diese Hintergründe kann allerdings auch tröstlich sein: Es ist normal, bestimmte Ängste zu haben, und sie machen einen nicht „schwach“. Es sind alte Programme in uns. Zum Glück lassen sich auch angeborene Ängste mit modernen Methoden bewältigen.
Angststörungen sind gut behandelbar. Je nach Ausprägung stehen verschiedene Therapieansätze zur Verfügung, die oft auch miteinander kombiniert werden. Wichtig zu wissen: Man muss sich für eine Angststörung nicht schämen – Hilfe anzunehmen ist der erste Schritt, um die Angst in den Griff zu bekommen. Hier ein Überblick über gängige Behandlungsmöglichkeiten:
Die kognitive Verhaltenstherapie gilt als Goldstandard in der Behandlung von Angststörungen (Quelle: therapie.de). Diese Therapieform setzt an Gedanken und Verhaltensweisen an, die die Angst auslösen oder aufrechterhalten. Zusammen mit einem Psychotherapeuten lernt der Patient, seine Denkmuster zu verstehen: Welche gedanklichen Fehlalarme befeuern die Angst? Wie realistisch sind meine Befürchtungen? Dann wird daran gearbeitet, diese Gedanken schrittweise zu verändern – hin zu realistischeren, beruhigenderen Sichtweisen. Ein weiterer wichtiger Baustein ist das Verändern des Verhaltens: Statt aus Angst zu vermeiden, übt der Patient, sich den Situationen zu stellen (natürlich in kleinen Schritten). In der KVT lernt man also praktisch, dass man der Angst nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern aktiv etwas tun kann. Studien zeigen, dass KVT bei den meisten Angststörungen sehr wirksam ist (Quelle: therapie.de). Weil sie Strategien für den Umgang mit Angst vermittelt, profitieren viele Patienten langfristig davon. Typische Elemente einer KVT bei Angst sind z.B.: das Führen eines Angsttagebuchs, kognitive Umstrukturierung (Angstgedanken hinterfragen und umdeuten) und das folgende Verfahren, die Konfrontation.
Die Konfrontationstherapie, auch Expositionstherapie genannt, ist ein spezieller Teil der Verhaltenstherapie. Hierbei stellt sich der Patient gezielt den gefürchteten Auslösern, anstatt ihnen aus dem Weg zu gehen. Das klingt im ersten Moment beängstigend, hat aber einen guten Grund: Durch das Erleben kann das Gehirn umlernen. Bei einer Konfrontation (engl. Exposure) konfrontiert man sich z.B. mit einer Spinne (bei Spinnenphobie) oder fährt mit dem Aufzug (bei Klaustrophobie) – natürlich unter professioneller Anleitung und Schritt für Schritt. Zu Beginn der Therapie werden gemeinsam mit dem Therapeuten die Angsthierarchie und das Vorgehen besprochen, sodass nichts Überforderndes passiert, was der Patient nicht möchte. Man kann sich die Konfrontationstherapie wie ein Training vorstellen: Je häufiger man die angstauslösende Situation aushält, desto mehr gewöhnt sich das Nervensystem daran und die Angst nimmt ab. Oft erleben Patienten dabei: Die Angst erreicht einen Höhepunkt, sinkt dann aber von selbst wieder, ohne dass etwas Schlimmes passiert (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). Diese Erfahrung („Ich kann es aushalten und es geht vorbei“) ist enorm hilfreich, um die Furcht vor der Angst zu verlieren. Es gibt verschiedene Formen der Exposition – graduiert (schrittweise Steigerung, z.B. erst Bilder anschauen, dann näher herangehen) oder Flooding (direkt der stärksten Angstsituation aussetzen, aber länger darin bleiben, bis die Angst nachlässt (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org)). Konfrontationstherapie ist gut erforscht und zeigt besonders bei Phobien, Panikstörung und Zwangsstörung vorübergehend hohe Erfolgsquoten. Wichtig ist, dass sie mit Unterstützung erfolgt – alleine überwältigt man sich leicht. In der Therapie hingegen lernt man mit Rückhalt neue Reaktionen. Für viele ist es am Anfang herausfordernd, aber die Belohnung ist groß: ein Stück Freiheit zurückzugewinnen, weil Situationen nicht mehr von Angst diktiert werden.
Medikamente können bei Angststörungen unterstützend wirken, vor allem wenn die Symptome sehr stark sind. In der Regel werden Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) oder SNRI verschrieben (Quellen: neurologen-und-psychiater-im-netz.org, neurologen-und-psychiater-im-netz.org). Diese Mittel erhöhen bestimmte Botenstoffe (Serotonin, Noradrenalin) im Gehirn, was die Angstsymptomatik oft innerhalb einiger Wochen spürbar lindert. Sie machen nicht abhängig und werden meist über einen längeren Zeitraum eingenommen, damit die Angstbereitschaft des Gehirns dauerhaft gesenkt wird. Eine weitere Option, speziell bei generalisierter Angststörung, ist z.B. Pregabalin (ursprünglich ein Epilepsie-Medikament), das angstlösende Eigenschaften hat (QUelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). In akuten Angstsituationen oder überbrückungsweise werden manchmal Benzodiazepine (Tranquilizer wie Diazepam oder Lorazepam) verordnet, da sie schnell beruhigen. Allerdings ist hier Vorsicht geboten: Benzodiazepine können abhängig machen und verlieren bei Dauergebrauch an Wirkung. Deshalb werden sie nur kurzfristig oder in Ausnahmefällen eingesetzt. In bestimmten Fällen können auch Betablocker hilfreich sein – sie mildern die körperlichen Angstsymptome (wie Herzrasen) und werden z.B. bei situativer Auftrittsangst eingesetzt. Generell stellt die medikamentöse Therapie aber meist nur einen Baustein dar. Studien zeigen die besten Erfolge, wenn Medikamente mit Psychotherapie kombiniert werden (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). Der große Vorteil von Medikamenten ist, dass sie die schlimmsten Spitzen abfangen und so überhaupt erst ermöglichen, dass jemand an einer Therapie teilnehmen kann. Langfristig ist jedoch die therapeutische Aufarbeitung wichtig, da Medikamente die Ursachen nicht beseitigen. Die Entscheidung für oder gegen Medikamente sollte immer individuell mit einem Arzt/Psychiater getroffen werden – je nach Schweregrad der Symptome.
Zusätzlich zu Therapie und ggf. Medikamenten gibt es viele selbsthilfefreundliche Methoden, um Angst zu reduzieren. Entspannungstechniken können die körperliche Stressreaktion dämpfen und ein Gefühl von Kontrolle zurückgeben. Bewährt haben sich z.B.:
Zusammenfassend gibt es vielseitige Hilfe bei Angststörungen. In der Praxis wird oft eine Kombination gewählt – etwa Psychotherapie (KVT mit Exposition) plus begleitende Medikamente für eine Zeit, unterstützt durch Eigenübungen wie Entspannung oder Sport. Welche Behandlung am besten ist, hängt von der individuellen Situation ab: von der Art der Angststörung, ihrer Schwere und den Vorlieben des Patienten. Ein erster Schritt ist immer, mit einem Arzt oder Psychotherapeuten darüber zu sprechen. Von dort aus lässt sich ein Behandlungsplan erstellen. Die gute Nachricht für Betroffene und Angehörige: Angststörungen müssen nicht für immer den Alltag bestimmen. Mit Verständnis für die Erkrankung (das hoffentlich auch dieser Überblick vermittelt hat) und den richtigen Strategien kann die Angst erfolgreich behandelt werden, sodass Lebensfreude und Alltag zurückkehren.
Fazit: Angststörungen sind zwar verbreitet und oft quälend, aber es gibt heute zum Glück wirksame Therapien. Wer unter ständiger Angst, Panikattacken oder phobischen Ängsten leidet, sollte wissen, dass er oder sie nicht allein ist und dass Hilfe bereitsteht. Aufklärung und Verständnis sind der erste Schritt – und genau dabei soll dieser Artikel geholfen haben. Sie verlassen diese Seite nun hoffentlich mit einem klareren Bild davon, was Angststörungen sind, warum sie entstehen können und wie man sie überwinden kann. Bleiben Sie informiert und zögern Sie nicht, bei Bedarf professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Ihre psychische Gesundheit ist wichtig und es gibt Wege aus der Angst. (Quellen: dgppn.de, neurologen-und-psychiater-im-netz.org)
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