Trauma-Störungen (auch Traumafolgestörungen genannt) sind psychische Erkrankungen, die nach traumatischen Erlebnissen auftreten können. Ein Trauma bezeichnet ein extrem belastendes Ereignis – etwa eine Naturkatastrophe, ein schwerer Unfall, körperliche oder sexuelle Gewalt – das die seelische Belastungsgrenze eines Menschen überschreitet (Quelle: gesundheitsinformation.de). Solche erschütternden Erfahrungen können das Leben der Betroffenen nachhaltig beeinflussen. Nicht jeder Mensch entwickelt nach einem Trauma eine psychische Störung; viele verarbeiten das Erlebte mit der Zeit. Bei manchen jedoch bleibt die seelische Wunde bestehen und führt zu langanhaltenden Beschwerden. Trauma-Störungen umfassen verschiedene Krankheitsbilder wie akute und chronische Belastungsreaktionen sowie posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS). Allen gemeinsam ist, dass die Betroffenen unter den Folgen des Traumas seelisch leiden und Unterstützung benötigen, um das Erlebte zu bewältigen.
Nach einem Trauma reagiert die Psyche sowohl psychologisch als auch neurobiologisch auf den extremen Stress. Auch das soziale Umfeld spielt eine Rolle bei der Verarbeitung. In diesem Abschnitt werden die Hintergründe verständlich erklärt – von inneren Bewältigungsmechanismen über Veränderungen im Gehirn bis zu gesellschaftlichen Einflüssen.
Ein traumatisches Erlebnis versetzt den Körper in Alarmbereitschaft und kann starke Angstreaktionen auslösen. Die Psyche versucht, mit der Überwältigung fertigzuwerden, und nutzt dabei verschiedene Bewältigungsmechanismen. Typische psychologische Reaktionen sind zum Beispiel:
Neben Angst und Dissoziation zeigen viele Betroffene auch allgemeine Stresssymptome wie Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen oder anhaltende Nervosität. Oft leiden sie unter gedrückter Stimmung, Schuldgefühlen oder Scham. All dies sind psychologische Auswirkungen des Traumas, die verständlich werden, wenn man betrachtet, was für ein Ausnahmezustand während einer traumatischen Erfahrung herrscht.
Extreme seelische Belastung hinterlässt auch Spuren im Gehirn und im Hormonhaushalt. Bei Trauma-Störungen haben Studien Veränderungen in bestimmten Hirnregionen und Stresssystemen festgestellt:
Zusätzlich diskutiert die Forschung weitere neurobiologische Faktoren. Veränderungen in der Großhirnrinde (zuständig für Rationalität und Impulskontrolle) könnten erklären, warum Trauma-Betroffene manchmal Schwierigkeiten haben, ihre starken emotionalen Reaktionen zu kontrollieren. Auch bestimmte Neurotransmitter (Botenstoffe im Gehirn, wie Serotonin oder Noradrenalin) können aus dem Lot geraten sein (Quelle: klinik-friedenweiler.de). Insgesamt zeigt sich: Ein Trauma prägt das Gehirn. Viele dieser Veränderungen sind aber bei erfolgreicher Therapie zumindest teilweise reversibel – das Gehirn ist formbar und kann heilen.
Nicht nur innere Prozesse, auch das Umfeld beeinflusst, wie Menschen mit einem Trauma umgehen und ob sich eine Störung entwickelt. Gesellschaftliche Faktoren können dabei helfen oder hinderlich sein:
Insgesamt gilt: Je mehr Verständnis, Entlastung und professionelle Hilfe ein traumatisierter Mensch erfährt, desto besser sind die Chancen, eine Traumafolgestörung zu lindern oder zu verhindern. Eine offene gesellschaftliche Diskussion über psychische Gesundheit und Trauma – wie sie in den letzten Jahren mehr und mehr geführt wird – trägt dazu bei, das Schweigen und Stigma zu durchbrechen.
Unter dem Begriff Trauma-Störungen werden mehrere Krankheitsbilder zusammengefasst. Im Folgenden stellen wir die häufigsten Traumafolgestörungen vor – in der chronologischen Reihenfolge, in der sie typischerweise auftreten können. Von der akuten Schockreaktion direkt nach dem Ereignis bis hin zu komplexen chronischen Störungen, die sich über Jahre entwickeln, gibt es verschiedene Ausprägungen.
Akute Belastungsreaktion (ABR) bezeichnet die unmittelbare psychische Reaktion auf ein traumatisches Ereignis. Sie tritt während oder kurz nach dem Trauma auf – oft innerhalb von Minuten oder Stunden. Umgangssprachlich wird so etwas auch als „Nervenzusammenbruch“ oder Schockzustand beschrieben. In dieser Phase ist die Seele überwältigt und versucht, mit dem unvorstellbaren Geschehen fertigzuwerden. Typische Anzeichen einer akuten Belastungsreaktion sind z.B.:
Der Körper zeigt in der akuten Reaktion meist klare Stresssymptome: Herzrasen, Schwitzen, flache Atmung, Schwindel oder motorische Unruhe. Diese akute Phase ist in der Regel zeitlich begrenzt. Eine ausgeprägte akute Belastungsreaktion hält meist einige Stunden bis wenige Tage an und klingt dann ab (Quelle: msdmanuals.com). In vielen Fällen normalisieren sich die psychischen Funktionen danach weitgehend – das Ereignis ist aber natürlich nicht vergessen. Wichtig ist, dass Betroffene in dieser Schockphase Schutz und Ruhe bekommen. Direkt nach dem Trauma stehen Krisenintervention und Stabilisierung im Vordergrund (zum Beispiel medizinische Hilfe leisten, für Sicherheit sorgen, die Person nicht allein lassen). Eine akute Belastungsreaktion ist keine „Störung“ im krankhaften Sinne, sondern eher eine normale menschliche Reaktion auf ein „unnormales“ Ereignis. Allerdings kann eine sehr heftige akute Reaktion ein Hinweis darauf sein, dass die Verarbeitung schwierig wird. In manchen Fällen geht eine akute Belastungsreaktion fließend in eine länger andauernde posttraumatische Störung über (Quelle: msdmanuals.com).
Eine Anpassungsstörung ist eine Reaktion auf belastende Veränderungen oder Lebensereignisse, die nicht unbedingt lebensbedrohlich sein müssen, aber trotzdem starken seelischen Stress verursachen. Beispiele: der Verlust eines geliebten Menschen, eine Scheidung, der Verlust des Arbeitsplatzes oder andere einschneidende Veränderungen. Auch Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten oder größere Umbrüche erleben, können Anpassungsstörungen entwickeln. Im Unterschied zur akuten Belastungsreaktion (die direkt auf ein Trauma folgt) beginnt die Anpassungsstörung oft verzögert – typischerweise innerhalb der ersten Wochen oder Monate nach dem auslösenden Ereignis (Quelle: msdmanuals.com). Sie kann auftreten, wenn die Anforderungen der neuen Situation die Bewältigungsmöglichkeiten einer Person übersteigen.
Symptome einer Anpassungsstörung können sehr vielfältig sein, häufig treten jedoch auf:
Kennzeichnend ist, dass die emotionale Reaktion unangemessen stark im Verhältnis zur auslösenden Veränderung ist und die Alltagsfunktion deutlich beeinträchtigt (Quelle: msdmanuals.com). Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, sich an die neue Lebenssituation anzupassen – daher der Name. Eine Anpassungsstörung setzt somit an einem Stressor an (einem belastenden Ereignis oder Wandel), der für sich genommen nicht das klassische Trauma-Kriterium (Lebensgefahr, extreme Gewalt) erfüllen muss, aber dennoch erheblichen Stress verursacht. Die Störung klingt meist innerhalb von sechs Monaten wieder ab, vor allem wenn der Auslöser zeitlich begrenzt war (Quelle: msdmanuals.com). Hält der Stressor allerdings an (z.B. anhaltende Pflege eines kranken Angehörigen, andauernde Mobbingsituation), können die Symptome auch chronischer werden. Zur Behandlung einer Anpassungsstörung setzt man vor allem auf psychotherapeutische Unterstützung, Stressbewältigungsstrategien und gegebenenfalls kurzfristig beruhigende oder stimmungsaufhellende Medikamente, um die Anpassungsphase zu erleichtern. Wichtig für Betroffene ist das Signal: Ihre Reaktion ist verständlich und vorübergehend – mit Hilfe und etwas Zeit kann eine neue seelische Balance gefunden werden.
Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist die bekannteste Trauma-Folgestörung. Sie entwickelt sich als direkte Folge eines oder mehrerer extrem traumatischer Ereignisse (Psychotrauma). Typischerweise treten die Symptome einer PTBS innerhalb der ersten Wochen bis Monate nach dem Trauma auf (Quelle: de.wikipedia.org), allerdings kann die Störung in manchen Fällen auch verzögert manifest werden (man spricht dann von einer verzögerten PTBS, die erst Monate nach dem Ereignis deutlich wird). Im Gegensatz zur akuten Belastungsreaktion persistieren die Beschwerden bei PTBS über längere Zeit (mindestens einen Monat, Diagnose meist nach frühstens 6 - 24 Monaten) und führen zu einer erheblichen Beeinträchtigung im Alltag (Quelle: msdmanuals.com).
Woran erkennt man eine PTBS? Die Symptomatik lässt sich in vier Hauptbereiche gliedern:
Eine PTBS kann ohne Behandlung Monate oder Jahre, sogar Jahrzehnte andauern und die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Wichtig zu wissen: PTBS ist eine anerkannte Erkrankung, für die es wirksame Therapien gibt (siehe Behandlungsmöglichkeiten unten). Viele Menschen scheuen sich zunächst, Hilfe zu suchen, weil sie glauben „selbst damit klarkommen zu müssen“ – doch eine frühe professionelle Unterstützung kann verhindern, dass sich die Symptome chronifizieren.
Die komplexe PTBS (Abk. kPTBS) entsteht als Folge von langanhaltenden oder wiederholten Traumatisierungen, meistens in frühen Lebensphasen. Beispiele sind: jahrelanger Kindesmissbrauch (körperlich oder emotional), sexuelle Gewalt über längere Zeit, chronische Vernachlässigung in der Kindheit, Folter oder Geiselhaft, Kriegsgefangenschaft oder andauernde häusliche Gewalt im Erwachsenenalter. Es handelt sich also um nicht einmalige Ereignisse, sondern um Traumata in Serie, aus denen es kein Entkommen gab. Diese andauernde Extrembelastung wirkt sich tiefergehend auf die Persönlichkeit und Entwicklung aus als ein einzelnes Trauma. Die komplexe PTBS wurde lange unter verschiedenen Begriffen diskutiert (z.B. „DESNOS“ – Disorder of Extreme Stress Not Otherwise Specified, oder im ICD-10 als „anhaltende Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung“ bezeichnet). In der ICD-11 ist kPTBS nun offiziell als eigenständige Diagnose anerkannt.
Symptome der komplexen PTBS umfassen im Grunde die Kernsymptome der PTBS (Wiedererleben, Vermeidung, Übererregung) und zusätzlich eine Reihe weiterer schwerwiegender Beeinträchtigungen:
Komplexe PTBS ist also umfangreicher als die klassische PTBS. Sie kann als eine schwere, chronische Form der Traumafolgestörung verstanden werden, die alle Lebensbereiche durchdringt. Da die Traumatisierungen häufig in jungen Jahren stattfanden, greifen sie in die Persönlichkeitsentwicklung ein – daher rührt der ältere Begriff „Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung“. Die Behandlung gestaltet sich meist langwieriger und vielschichtiger als bei einer „einfachen“ PTBS, erfordert aber ebenso viel Empathie und Verständnis. Wichtig ist: Auch mit komplexer PTBS ist Heilung oder Besserung möglich, wenngleich in kleinen Schritten. Viele Betroffene lernen im Verlauf der Therapie, sich selbst besser zu verstehen, stabile Beziehungen aufzubauen und ein gewisses Maß an innerer Sicherheit zurückzugewinnen.
Dissoziation – das mentale „Abspalten“ – haben wir bereits als Symptom erwähnt, aber es spielt eine so bedeutende Rolle bei Trauma-Störungen, dass es separat betont werden soll. Dissoziative Symptome können in allen Phasen einer Traumafolgestörung auftreten:
Zusammengefasst: Dissoziation ist die unsichtbare Begleiterin vieler Trauma-Folgen. Sie kann vom kurzzeitigen „Wegtreten“ in Stressmomenten bis zur ausgeprägten Identitätsspaltung reichen. Für Außenstehende ist das oft schwer nachvollziehbar – für Betroffene aber real und meist mit zusätzlicher Scham behaftet. In der Therapie von Trauma-Störungen wird daher ein Schwerpunkt darauf gelegt, diese Symptome zu erklären und zu integrieren. Betroffene lernen, Dissoziation als eine Reaktion ihres Gehirns auf Not zu verstehen und allmählich durch neue Bewältigungsstrategien zu ersetzen, sodass sie im Hier-und-Jetzt verankert bleiben können.
Die gute Nachricht ist: Trauma-Störungen sind behandelbar. In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche Therapieansätze entwickelt und erforscht, um Menschen bei der Bewältigung traumatischer Erlebnisse zu helfen. Wichtig ist eine individuelle Behandlung, die auf Art und Schwere der Symptome abgestimmt ist. Hier ein Überblick über gängige Therapieansätze bei Trauma-Störungen:
Fazit: Die Behandlung von Trauma-Störungen erfordert Mut und Geduld – sowohl von Seiten der Betroffenen als auch der Therapeut*innen. Doch mit der richtigen Unterstützung können viele Menschen lernen, die Vergangenheit zu bewältigen und wieder nach vorne zu schauen. Moderne Therapieverfahren geben Anlass zur Zuversicht: Selbst wer Schreckliches erlebt hat, ist dem nicht hilflos ausgeliefert. Es gibt Wege zurück zu einem sichereren, ruhigeren Innenleben. Wichtig ist, das Schweigen zu brechen und sich Hilfe zu holen. Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt – und für Trauma-Überlebende kann dieser Schritt der Beginn sein, die seelische Verletzung zu heilen.
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