Suchtstörungen

Einführung


Suchterkrankungen (Abhängigkeitserkrankungen) sind psychische Störungen, bei denen eine Person ein unkontrollierbares Verlangen nach einem bestimmten Suchtmittel oder einer suchtartigen Verhaltensweise entwickelt. Charakteristisch sind ein starkes Verlangen (Craving) und Kontrollverlust in Bezug auf den Konsum, Toleranzentwicklung (man benötigt zunehmend mehr für die gleiche Wirkung) sowie Entzugssymptome beim Absetzen. Betroffene vernachlässigen oft andere Lebensbereiche und machen weiter, obwohl bereits schädliche Folgen eingetreten sind (Quellen: aok.deaok.de). Sucht bedeutet also, dass Körper und Psyche so sehr an den Stoff oder das Verhalten gewöhnt sind, dass ein Aufhören extrem schwerfällt. Eine Suchterkrankung entwickelt sich meist schleichend – aus gelegentlichem Konsum oder Verhalten wird ein zwanghafter Drang, der das tägliche Leben beherrscht. Wichtig zu wissen: Sucht ist eine Krankheit, keine Charakterschwäche. Mit der richtigen Hilfe und Behandlung bestehen jedoch gute Chancen auf Besserung.

Symptome, Anzeichen, Ursachen


Einteilung nach ICD-10 und ICD-11


Mediziner und Psychologen unterscheiden verschiedene Formen von Suchterkrankungen anhand festgelegter Kriterien. Ein zentrales Klassifikationssystem ist die ICD (International Classification of Diseases) der Weltgesundheitsorganisation. In der älteren ICD-10 wurde der Begriff Abhängigkeitssyndrom eingeführt, um den Krankheitscharakter von Sucht hervorzuheben (Quelle: drze.de). Sowohl ICD-10 als auch die neuere ICD-11 definieren eine Abhängigkeitserkrankung anhand sechs zentraler Kriterien (Quelle: drze.de):


  • Starkes Verlangen nach dem Suchtmittel oder Verhalten (Craving)
  • Kontrollverlust über Beginn, Menge und Beendigung des Konsums
  • Toleranzentwicklung (Dosissteigerung, um die gleiche Wirkung zu erzielen)
  • Körperliche Entzugssymptome bei Reduktion oder Abstinenz
  • Vernachlässigung anderer Interessen und Pflichten zugunsten der Sucht
  • Fortgesetzter Konsum trotz negativer Konsequenzen (gesundheitlich, sozial, etc.)


Erfüllen Betroffene mehrere dieser Kriterien über einen gewissen Zeitraum, spricht man diagnostisch von einer Abhängigkeit. ICD-10 unterschied dabei zwischen schädlichem Gebrauch (Missbrauch) und Abhängigkeit. In der ICD-11 (gültig seit 2022) wurden einige Neuerungen eingeführt: So werden nun Verhaltenssüchte (nicht-stoffliche Süchte) offiziell mitklassifiziert (Quelle: springermedizin.de). Beispielsweise sind Glücksspielstörung (Spielsucht) und Computerspielstörung (Gaming Disorder) in der ICD-11 als eigenständige Diagnosen anerkannt (Quelle: springermedizin.de). Auch die Diagnostik-Kriterien wurden angepasst – die sechs Kriterien werden nun zu drei Bereichen zusammengefasst, von denen bereits zwei (anstatt wie früher drei) erfüllt sein müssen (Quelle: pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Diese Änderungen sollen die Diagnose präziser machen, indem u.a. neue Suchterscheinungen abgebildet werden, allerdings diskutieren Fachleute auch über mögliche Vor- und Nachteile der neuen Definitionen (Quelle: pmc.ncbi.nlm.nih.gov). Insgesamt ermöglicht die Klassifikation nach ICD, Sucht zuverlässig zu erkennen und von gelegentigem Genuss oder Gewohnheit abzugrenzen.


Neurobiologische Mechanismen der Abhängigkeit


Warum machen manche Substanzen oder Handlungen süchtig? Die Antwort liegt zu großen Teilen im Gehirn. Sucht entsteht durch Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns (Quelle: thebrain.info). Dieses System sorgt normalerweise dafür, dass natürliche Aktivitäten wie Essen, Trinken oder soziale Interaktion mit guten Gefühlen belohnt werden – hauptsächlich durch den Botenstoff Dopamin, der im sogenannten mesolimbischen System (u.a. Nucleus Accumbens und Ventrales Tegmentum) wirkt. Suchtmittel „kapern“ dieses Belohnungssystem, indem sie eine übermäßige Dopamin-Ausschüttung auslösen (Quelle: drugcom.de). Die Folge: Der Konsum fühlt sich überdurchschnittlich belohnend an. Das Gehirn lernt schnell, dass die Substanz oder das Verhalten eine starke Belohnung bringt, und motiviert die Person, dieses Erlebnis immer wieder zu suchen (Quelle: drugcom.de). Dieses „immer wieder Haben wollen“ (Wanting) äußert sich als intensives Verlangen oder Craving (Quelle: drugcom.de).


Mit der Zeit gewöhnt sich das Gehirn jedoch an den hohen Dopaminpegel – es kommt zur Toleranz. Die gleiche Menge bewirkt nun weniger, man muss Dosis oder Häufigkeit steigern, um den erwünschten Effekt zu erzielen. Gleichzeitig werden ehemals normale Freuden (etwa Hobbys oder soziales Beisammensein) weniger interessant, da sie im Vergleich zum Suchtmittel „langweilig“ erscheinen. Bleibt das Suchtmittel plötzlich aus, ist das Gehirn unterstimuliert – es kommt zu Entzugssymptomen: körperlich (z.B. Zittern, Schwitzen, Unruhe) und psychisch (Depression, Reizbarkeit, Angst). Diese unangenehmen Symptome treiben den Teufelskreis weiter an, weil die Person den Entzug durch erneuten Konsum beenden will.


Auch Hinweisreize (Cues) spielen eine Rolle: Das Gehirn verknüpft bestimmte Menschen, Orte oder Situationen mit dem Suchtmittel. Zum Beispiel kann der Anblick einer Kneipe bei einem Alkoholkranken sofort ein Verlangen auslösen, weil das Gehirn die Erwartung einer Belohnung damit verknüpft hat (Quelle: aok.de). Selbst nicht-stoffliche Süchte beruhen auf ähnlichen Mechanismen: Erfolgs­erlebnisse im Spiel oder viele „Likes“ in sozialen Medien aktivieren ebenfalls das Belohnungssystem und setzen Dopamin frei (Quellen: thebrain.info, drugcom.de). Kurz gesagt: Sucht entsteht, wenn das Gehirn immer wieder übermäßig belohnt wird und sich daran anpasst – bis es ohne diesen Reiz kaum noch normal funktionieren mag.


Psychologische und soziale Risikofaktoren


Ob jemand süchtig wird, hängt nicht nur von der Substanz oder dem Verhalten selbst ab. Psychologische und soziale Faktoren können das Risiko deutlich erhöhen. Häufig beginnt eine Sucht als scheinbarer Ausweg aus seelischem Stress oder als Bewältigung schwieriger Gefühle. Psychische Vorbelastungen spielen daher oft eine Rolle: Menschen mit Depressionen, Angststörungen oder anderen seelischen Problemen haben ein erhöhtes Suchtrisiko (Quelle: aok.de). Auch ein geringes Selbstwertgefühl, chronische Langeweile oder Schwierigkeiten, mit Stress umzugehen, können begünstigen, dass man zur Sucht neigt (Quelle: dassuchtportal.de). Traumatische Erfahrungen (z.B. Missbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit) und anhaltende Belastungen wie hoher Leistungsdruck oder chronischer Stress sind weitere Risikofaktoren (Quellen: aok.deaok.de). Viele Betroffene berichten, dass sie anfangs zur Substanz gegriffen haben, um Kummer, Angst oder Einsamkeit zu betäuben – Sucht wird hier als eine Form von Selbstmedikation missbraucht.


Hinzu kommt das soziale Umfeld: Wächst jemand in einer Familie auf, in der viel Alkohol getrunken oder Drogen konsumiert werden, sinkt die Hemmschwelle, diese Muster zu übernehmen (Quelle: aok.de). Gruppendruck und der Wunsch dazuzugehören (etwa unter Freunden, die alle rauchen oder trinken) können ebenfalls zum ersten Konsum verleiten. Ist ein Suchtmittel leicht verfügbar – sei es Alkohol im Haushalt oder allgegenwärtiges Internet – steigt natürlich auch die Nutzung. Soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit oder Einsamkeit können die Suche nach einem „Ersatzbefriediger“ begünstigen. Auf der anderen Seite fehlen in einem ungünstigen Umfeld oft Schutzfaktoren: z.B. stabile Beziehungen, sinnvolle Freizeitbeschäftigungen und Vorbilder, die gesunde Bewältigungsstrategien vorleben. Schließlich gibt es Hinweise auf genetische Veranlagungen: Kinder von Suchtkranken haben ein höheres Risiko, selbst abhängig zu werden (Quelle: aok.de). All diese Faktoren greifen ineinander. Je mehr Risikofaktoren zusammenkommen, desto wahrscheinlicher ist es, dass aus Gebrauch allmählich Missbrauch und schließlich eine handfeste Suchterkrankung wird.


Körperliche und psychische Abhängigkeit


Man unterscheidet bei Suchterkrankungen oft zwischen körperlicher (physischer) und psychischer Abhängigkeit. Körperliche Abhängigkeit bedeutet, dass der Körper sich an das Suchtmittel gewöhnt hat und bei Abstinenz physisch reagiert – z.B. mit Zittern, Schwitzen, Übelkeit, Krampfanfällen oder anderen Entzugssymptomen. Dies sieht man vor allem bei stoffgebundenen Süchten: Alkohol, Opiate, Beruhigungsmittel oder Nikotin führen oft zu starker körperlicher Anpassung. Der Organismus braucht den Stoff dann, um normal zu funktionieren, weil er sich biochemisch darauf eingestellt hat. Ein abruptes Absetzen kann gefährlich sein (man denke an Delirium tremens bei schwerer Alkoholabhängigkeit) und muss teils medizinisch überwacht werden.


Psychische Abhängigkeit hingegen bezeichnet das seelische Verlangen und die gedankliche Fixierung auf das Suchtmittel oder Verhalten. Hier steht die innere Unruhe und Leere im Vordergrund, die entsteht, wenn der „Kick“ ausbleibt. Die Person hat das Gefühl, ohne das Suchtmittel nicht glücklich, ruhig oder handlungsfähig sein zu können. Dieses starke Craving, gepaart mit Gewohnheiten und Triggern, kann auch unabhängig von körperlichen Entzugssymptomen bestehen bleiben. Viele Verhaltenssüchte (z.B. Spielsucht, Kaufsucht) verursachen hauptsächlich psychische Abhängigkeit – es treten keine Krampfanfälle auf, aber die Betroffenen verspüren einen extremen Drang und Unruhe, wenn sie das Verhalten unterlassen. Wichtig: Psychische Abhängigkeit ist nicht weniger ernst als körperliche. Oft ist sie sogar hartnäckiger, weil das Gehirn das Suchtverhalten als Bewältigungsstrategie verinnerlicht hat. In der Praxis gehen körperliche und psychische Abhängigkeit meist Hand in Hand: Bei einer Alkohol- oder Drogensucht liegt fast immer auch eine seelische Komponente vor (Gewohnheit, emotionale Bindung an den Rausch) und umgekehrt können rein psychische Süchte auch körperliche Symptome auslösen (z.B. Herzklopfen oder Schwitzen bei Spielsucht durch Nervosität). Für eine erfolgreiche Therapie muss man beide Aspekte berücksichtigen.

Beispiele häufiger Suchterkrankungen


Sucht kann sich auf verschiedene Substanzen oder Verhaltensweisen beziehen. Im Allgemeinen unterscheidet man stoffgebundene Süchte – also Abhängigkeit von einer chemischen Substanz – und nicht-stoffgebundene Süchte, bei denen ein Verhalten im Vordergrund steht. Im Folgenden einige der häufigsten Suchterkrankungen:


Stoffgebundene Süchte


  • Alkoholabhängigkeit (Alkoholsucht): Die Abhängigkeit von Alkohol ist eine der verbreitetsten Suchterkrankungen. Kennzeichen sind ein starker Drang nach Alkohol, steigende Toleranz (man verträgt immer mehr) und körperliche Entzugserscheinungen wie Zittern, Schwitzen oder Unruhe. Alkoholmissbrauch schädigt fast alle Organe – besonders Leber, Gehirn, Herz und Nerven – und führt langfristig zu ernsthaften gesundheitlichen, sozialen und psychischen Problemen. Viele Betroffene versuchen, ihren Alkoholkonsum zu verheimlichen oder zu verharmlosen, doch Alkoholismus ist eine chronische Krankheit, die unbehandelt oft fortschreitet. Aufgrund der gesellschaftlichen Akzeptanz von Alkohol und der leichten Verfügbarkeit ist die Gefahr groß, dass gelegentliches Trinken in eine Abhängigkeit übergeht.

  • Drogenabhängigkeit (illegale Drogen): Darunter fallen Süchte z.B. nach Opiaten wie Heroin, Stimulanzien wie Kokain oder Amphetaminen, Cannabis (Marihuana/Haschisch) und anderen illegalen Substanzen. Jede Droge wirkt anders, aber alle haben ein hohes Suchtpotential und können schwere körperliche und psychische Schäden verursachen. Heroin z.B. macht extrem schnell körperlich abhängig; Entzug geht mit starken Schmerzen, Krämpfen und Übelkeit einher. Kokain und Methamphetamin lösen vor allem psychische Abhängigkeit mit intensiven Cravings und Persönlichkeitveränderungen aus. Cannabis kann bei regelmäßigem Konsum ebenfalls abhängig machen (wenn auch meist psychisch stärker als körperlich) – anhaltender Konsum kann Antriebslosigkeit, Konzentrationsprobleme und psychische Störungen begünstigen. Eine Drogensucht zieht oft gravierende soziale Konsequenzen nach sich: Verlust von Arbeitsplatz, Konflikte mit dem Gesetz, Isolation. Auch Nikotinabhängigkeit, also Tabaksucht, zählt zu den stoffgebundenen Süchten: Nikotin (z.B. in Zigaretten) ist eine hochgradig suchterzeugende Substanz, die sowohl körperlich (Entzugssymptome wie Reizbarkeit, Schlafstörungen) als auch psychisch (Gewohnheit, Stressbewältigung) abhängig macht. Unabhängig von der Substanz gilt: Drogenabhängigkeit ist eine ernste Erkrankung, die professionelle Hilfe erfordert.


  • Medikamentenabhängigkeit: Auch legal erhältliche Arzneimittel können in eine Sucht führen, insbesondere wenn sie über einen langen Zeitraum hoch dosiert eingenommen werden. Häufig betroffen sind Schlaf- und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine), Schmerzmittel (insbesondere opioidhaltige Präparate) oder Stimulanzien (etwa bestimmte ADHS-Medikamente). Eine zunächst verordnete Medikation gegen Beschwerden kann schleichend in Missbrauch übergehen, wenn die Dosis immer weiter erhöht wird oder das Medikament eingenommen wird, um nicht-medizinische Effekte zu erzielen (z.B. Beruhigung, „Abschalten“ oder Leistungssteigerung). Medikamentensucht bleibt oft lange unbemerkt, da die Betroffenen die Mittel vom Arzt erhalten oder in der Apotheke kaufen und keinen illegalen Beschaffungsweg brauchen. Doch auch hier treten Toleranz und Entzug auf – z.B. Schlaflosigkeit, Angst und Zittern beim Absetzen von Beruhigungspillen. Besonders tückisch: Viele Betroffene rechtfertigen sich damit, das Medikament ja zu brauchen (etwa „ohne meine Tabletten kann ich nicht schlafen“). Gerade opioidhaltige Schmerzmittel haben ein hohes Abhängigkeitspotential, was in den letzten Jahren zu einer „Opioid-Krise“ in einigen Ländern geführt hat. Medikamentenabhängigkeit erfordert wie andere Süchte eine Entzugsbehandlung und psychotherapeutische Unterstützung.


Nicht-stoffgebundene Süchte (Verhaltenssüchte)


  • Glücksspielsucht (pathologisches Spielen): Hierbei handelt es sich um die unkontrollierte Sucht nach Glücksspielen – sei es an Automaten, in Casinos, beim Online-Sportwetten oder Lotto. Glücksspielsüchtige verbringen zunehmend mehr Zeit und Geld mit Spielen und verlieren die Kontrolle darüber. Typisch sind das extreme Craving nach dem nächsten Spiel und das „Jagen“ von Verlusten (es wird immer weitergespielt, um verlorenes Geld zurückzugewinnen). Die Folgen sind oft verheerend: hohe Schulden, familiäre Konflikte, Jobverlust, manchmal sogar Straftaten, um an Geld fürs Spielen zu kommen. In der ICD-10 wurde pathologisches Spielen als Impulskontrollstörung eingestuft, in der ICD-11 zählt es offiziell zu den Suchtstörungen (Quelle: springermedizin.de). Glücksspielsucht zeigt deutlich, dass keine Substanz nötig ist, um klassische Suchtmuster zu entwickeln – das Glücksgefühl beim Gewinn und die Spannung reichen aus, um das Belohnungssystem süchtig zu machen.


  • Internetsucht (Onlinesucht): Bei der Internetsucht dreht sich alles um exzessive Nutzung von Computer, Smartphone und Internet. Das kann verschiedene Ausprägungen haben – z.B. Online-Spielesucht (MMORPGs, Online-Games), Social-Media-Sucht (endloses Scrollen auf Instagram, TikTok & Co.), Streaming-Sucht oder allgemein stundenlanges Surfen. Betroffene verbringen so viel Zeit online, dass Schule, Beruf, Sozialleben und Gesundheit stark vernachlässigt werden. Sie fühlen sich unruhig oder gereizt, wenn sie offline gehen müssen, und verlieren die Kontrolle darüber, wie lange sie online bleiben. Oft dient das Internet als Flucht vor Problemen oder unangenehmen Gefühlen. Insbesondere Jugendliche sind gefährdet, da Spiele und soziale Netzwerke gezielt suchterzeugende Mechanismen nutzen (z.B. Likes als Belohnung, endloses Scrollen) (Quellen: aok.deaok.de). In schweren Fällen sprechen Experten von einer Internetsucht oder einem Internetabhängigkeitssyndrom. Die ICD-11 beinhaltet als neue Diagnose die Computerspielstörung (Gaming Disorder) (Quelle: springermedizin.de). Auch wenn Internet- oder Gaming-Sucht keine Substanz involviert, ähnelt der Verlauf anderen Süchten: Anfangs steht der Spaß, dann gerät das Nutzungsverhalten außer Kontrolle und führt zu Entzugserscheinungen wie Depression, wenn das Internet wegfällt.


  • Kaufsucht (Shopaholismus): Kaufsucht bezeichnet das zwanghafte Kaufen von Gegenständen, die man oft gar nicht braucht oder sich nicht leisten kann. Betroffene verspüren kurz vor dem Kaufrausch ein starkes Verlangen und innere Anspannung, die sich während des Kaufens in Euphorie verwandelt. Dieses Hochgefühl hält jedoch nicht lange an – oft folgt auf den Kaufrausch Reue, Scham oder Enttäuschung, was nicht selten durch erneutes Shopping kompensiert wird. So entsteht ein Teufelskreis. Kaufsüchtige häufen häufig erhebliche Schulden an oder verstecken ihre Einkäufe vor dem Partner. Die Wohnung kann sich mit ungeöffneten Paketen und Sachen füllen. Ähnlich wie bei anderen Verhaltenssüchten geht es weniger um den erworbenen Gegenstand als um das Gefühl beim Kaufen (Belohnung, kurzfristige Bedürfnisbefriedigung). Kaufsucht tritt oft zusammen mit Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsproblemen auf. Therapie zielt dann auch darauf ab, die Lücke, die durch Kaufen gefüllt wird, auf andere Weise zu schließen (z.B. durch neue Hobbys oder Bewältigungsstrategien).


  • Sexsucht (Hypersexualität): Hierunter versteht man ein suchtartiges Verhalten in Bezug auf Sexualität. Das kann sich äußern in ständig wechselnden Sexualpartnern, exzessiver Masturbation, zwanghaftem Pornografiekonsum oder stundenlanger Beschäftigung mit sexuellen Inhalten. Wichtig ist: Es geht nicht um ein einfach hohes Lustempfinden, sondern um einen Verlust der Kontrolle – Betroffene verbringen wesentlich mehr Zeit mit Sexualität als beabsichtigt, setzen vielleicht Beziehungen, Beruf oder Gesundheit (z.B. durch ungeschützten Verkehr) aufs Spiel und schaffen es nicht, ihr Verhalten einzuschränken. Oft nutzen Sexsüchtige die Sexualität als Ventil für Stress, Frust oder emotionale Probleme. Kurzzeitig fühlen sie Erleichterung oder Befriedigung, doch bald kommt das Verlangen wieder. Die Grenzen zwischen noch „normalem“ hohen Sexualtrieb und pathologischer Sexsucht sind fließend, weshalb die Diagnose komplex sein kann. In der ICD-11 wird „Compulsive Sexual Behavior“ (zwanghaftes Sexualverhalten) diskutiert, allerdings nicht als Sucht, sondern als Impulskontrollstörung. Für die Betroffenen und ihr Umfeld sind die Auswirkungen dennoch ähnlich belastend wie bei anderen Süchten – Schamgefühle, Doppelleben, zerbrechende Beziehungen und das Gefühl, vom eigenen Verlangen gesteuert zu werden.


Natürlich gibt es noch weitere Süchte, z. B. Esssucht (Binge Eating Disorder, allerdings zählt diese offiziell zu den Essstörungen), Arbeitssucht (Workaholism) oder Sportsucht. All diese zeigen jedoch ähnliche Mechanismen: Das ursprünglich normale Verhalten (Essen, Arbeiten, Sport treiben) wird zum Zwang und dient nur noch dazu, innere Leere zu füllen oder Angst zu reduzieren. Die genannten Beispiele sind jene, die am häufigsten vorkommen und am besten untersucht sind.


Suchtverhalten bei Borderline


Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) haben ein besonders hohes Risiko, eine Suchterkrankung zu entwickeln. Studien zeigen, dass rund 78% der Borderline-Patienten im Laufe ihres Lebens zusätzlich eine Substanzabhängigkeit oder andere Sucht entwickeln (Quelle: mywaybettyford.de). Aber warum ist das so? Borderline ist gekennzeichnet durch starke emotionale Instabilität, Impulsivität, chronisches Gefühl der Leere und oft tiefes seelisches Leid. Betroffene empfinden Emotionen extrem intensiv und schmerzhaft oder zeitweise auch gar nicht (innere Leere). Gleichzeitig haben sie Schwierigkeiten, diese Gefühle zu regulieren. Suchtmittel und süchtige Verhaltensweisen können da scheinbar Abhilfe schaffen: Sie liefern entweder intensive Gefühle (einen „Kick“ als Gegenmittel zur Leere) oder betäuben schmerzhafte Emotionen. Alkohol und Drogen können z.B. kurzfristig Angst, innere Anspannung oder Wut dämpfen (Quelle: mywaybettyford.de). Jemand mit Borderline greift dann vielleicht zu Cannabis, um sich zu beruhigen, oder zu Kokain, um sich lebendiger und selbstbewusster zu fühlen. Auch selbstschädigende Verhaltensweisen wie exzessives Ausgeben von Geld, riskante Sexualkontakte oder Essanfälle treten bei Borderline häufig auf – all das kann Suchtcharakter annehmen.


Hinzu kommt die Impulsivität bei Borderline: Betroffene handeln oft vorschnell und suchen starke Reize, ohne die Konsequenzen abzuwägen. Das begünstigt natürlich auch das Zugreifen bei Drogen oder anderen Suchtmitteln – die Hemmschwelle ist niedriger. Sucht wird gewissermaßen zu einer Form von Selbstmedikation und Bewältigungsstrategie in einer Gefühlswelt, die sonst nur schwer auszuhalten ist (Quelle: mywaybettyford.de). Leider verschlimmert das auf Dauer die Probleme: Durch Alkohol oder Drogen gerät das Gefühlsleben noch mehr außer Kontrolle, Stimmungsschwankungen werden heftiger und impulsives Verhalten nimmt zu (Quelle: mywaybettyford.de). Es entsteht eine Spirale: Die Borderline-Symptome fördern Suchtverhalten, und das Suchtverhalten verstärkt wiederum die Borderline-Problematik (Quelle: mywaybettyford.de). Zusätzlich steigt durch die Kombination das Risiko von Selbstverletzungen und Suizid. Daher ist es bei Menschen mit BPS enorm wichtig, früh gegenzusteuern. In der Therapie hat sich gezeigt, dass eine gleichzeitige Behandlung beider Störungen am erfolgreichsten ist (Quelle: ​mywaybettyford.de) – z. B. eine Suchttherapie (Entzug, Entwöhnung) kombiniert mit speziellen Borderline-Therapien wie der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT). So können Betroffene lernen, mit ihren Gefühlen anders umzugehen, ohne in gefährliche Suchtmuster zu flüchten.

Behandlungsmöglichkeiten


Eine Suchterkrankung kann sehr herausfordernd sein – sowohl für die Betroffenen als auch für ihr Umfeld. Die gute Nachricht: Es gibt wirksame Behandlungsmöglichkeiten. Je nach Art der Sucht und Schweregrad kommen verschiedene Ansätze zum Einsatz, oft auch in Kombination. Wichtig ist der Wille des Betroffenen zur Veränderung und professionelle Unterstützung. Im Folgenden ein Überblick über gängige Therapieansätze:


Medizinische Entzugsbehandlung (Entgiftung): Bei einer körperlichen Abhängigkeit steht am Anfang häufig ein qualifizierter Entzug. Das bedeutet, das Suchtmittel wird unter ärztlicher Aufsicht reduziert und abgesetzt. Diese Entgiftungsphase dauert meist einige Tage bis wenige Wochen. In dieser Zeit können Entzugssymptome auftreten, die ggf. medikamentös gelindert werden – z.B. mit Beruhigungsmitteln beim Alkoholentzug oder Ersatzstoffen beim Opiatentzug. Bei schweren Alkoholsüchtigen oder langjähriger Drogenabhängigkeit ist ein stationärer Entzug im Krankenhaus oft ratsam, um Komplikationen abzufangen. Ziel der Entgiftung ist es, den Körper stofffrei zu bekommen und die akute körperliche Abhängigkeit zu durchbrechen. Damit allein ist es aber nicht getan: Im Anschluss muss an der psychischen Abhängigkeit gearbeitet werden (sonst drohen Rückfälle). Hierfür schließt sich idealerweise eine Therapie oder Entwöhnungsbehandlung an.


Psychotherapeutische Therapie (Entwöhnung): Die eigentliche Kernarbeit gegen die Sucht findet in der Psychotherapie statt – oft in Form einer Verhaltenstherapie. In Einzel- und Gruppengesprächen lernen Betroffene, die Ursachen ihrer Sucht zu verstehen und typische Denkmuster und Auslöser zu erkennen (Quelle: mywaybettyford.de). Warum greife ich immer wieder zur Substanz? In welchen Situationen ist das Verlangen am stärksten? Gemeinsam mit dem Therapeuten werden Strategien erarbeitet, um diese Muster zu durchbrechen (Quelle: mywaybettyford.de). Dazu gehört z.B. Skills-Training: neue Fertigkeiten, um mit Stress, Langeweile oder negativen Gefühlen umzugehen, ohne Suchtmittel. Beliebt und wirksam ist auch das Führen eines Sucht-Tagebuchs, um Rückfälle vorzubeugen, sowie das Erlernen von Entspannungstechniken. In der Verhaltenstherapie wird quasi das Gehirn „umtrainiert“: Statt bei Frust zur Flasche zu greifen, soll der Betroffene andere, gesündere Reaktionen zeigen. Ein wichtiger Bestandteil ist auch die Motivationsarbeit – viele Therapieprogramme nutzen motivational interviewing, um die Eigenmotivation des Patienten zu stärken (etwa indem man die persönlichen Ziele und Werte herausarbeitet, die durch die Sucht gefährdet sind). Die Dauer einer Entwöhnungstherapie variiert, liegt aber oft bei mehreren Wochen bis Monaten, je nach Konzept ambulant oder stationär in spezialisierten Reha-Kliniken. Studien zeigen, dass vor allem eine längere, intensive Therapie (z.B. 12 Wochen stationär) die besten Erfolge bringt, da so alte Gewohnheiten wirklich verändert werden können.


Medikamentöse Unterstützung: In einigen Fällen kommen zusätzlich Medikamente zum Einsatz, um die Therapie zu unterstützen. Bei Opioid-Abhängigkeit gibt es z.B. Substitutionsprogramme mit Methadon oder Buprenorphin – diese Ersatzstoffe verhindern Entzugssymptome und geben den Betroffenen Stabilität, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Für Alkoholsucht existieren Medikamente wie Naltrexon oder Acamprosat, die das Verlangen reduzieren oder die Wirkung von Alkohol im Gehirn dämpfen. Manchen hilft auch das aversive Medikament Disulfiram, das bei Alkoholkonsum heftige Unverträglichkeitsreaktionen auslöst und so abschreckend wirkt. Bei Nikotinsucht werden Nikotinpflaster oder -kaugummis eingesetzt, um den körperlichen Entzug abzufedern, oder verschreibungspflichtige Mittel wie Bupropion/Vareniclin zur Rauchentwöhnung. Wichtig ist: Medikamente ersetzen nicht die psychotherapeutische Behandlung, sie sind nur ein Baustein. Zudem müssen sie ärztlich gut eingestellt und überwacht werden. Parallel werden oft Begleiterkrankungen mitbehandelt – z.B. Antidepressiva bei gleichzeitiger Depression – damit der Patient insgesamt stabiler wird.


Selbsthilfegruppen und soziale Unterstützung: Ein entscheidender Faktor auf dem Weg aus der Sucht ist das soziale Netz. Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker (AA) oder Narcotics Anonymous (NA) bieten Betroffenen einen Raum, sich mit anderen Aussteiger*innen auszutauschen. Das Gefühl „Ich bin nicht allein“ und das Lernen von Vorbildern, die abstinent leben, motiviert enorm. Viele machen die Erfahrung, dass die Gruppentreffen ihnen Halt geben und sie auch in Krisensituationen auffangen – sei es durch Gespräche oder einfach durch das Vorbild länger abstinenter Mitglieder. Neben klassischen Selbsthilfegruppen gibt es auch Foren und Online-Angebote, die Unterstützung bieten. Auch das familiäre Umfeld wird idealerweise in die Therapie einbezogen: Angehörige sollten über die Krankheit Sucht Bescheid wissen und lernen, wie sie helfen können (und wo ihre Grenzen sind, um nicht in Co-Abhängigkeit zu geraten). Einige Kliniken bieten Angehörigenprogramme oder Paar-/Familientherapie an, denn ein stabiles, verständnisvolles Umfeld verbessert die Prognose deutlich.


Spezielle Therapie für Verhaltenssüchte: Bei nicht-stofflichen Süchten wie Spiel-, Internet- oder Kaufsucht entfällt zwar die körperliche Entgiftung, doch die psychologische Arbeit ist ähnlich wichtig. Hier kommen ebenfalls psychotherapeutische Verfahren (meist kognitive Verhaltenstherapie) zum Einsatz, angepasst an das jeweilige Verhalten. Beispielsweise erlernt ein Glücksspielsüchtiger Strategien, um dem Drang zu widerstehen, Wettbüros oder Online-Casinos aufzusuchen – etwa indem er sich selbst Sperren auferlegt (Casino-Sperre) oder jemand Vertrautem Zugang zu Finanzen überlässt. Ein kaufsüchtiger Mensch arbeitet daran, Trigger-Situationen (z.B. Onlineshopping bei Langeweile) zu erkennen und alternative Aktivitäten zu finden. Zusätzlich sind oft beratende Angebote sinnvoll, z. B. Schuldnerberatung bei Kaufsucht oder Erziehungsberatung, wenn z.B. Jugendliche von Internetsucht betroffen sind (Quelle: springermedizin.de). Bei Internetsucht können klare Regeln und Struktur im Alltag (Bildschirmzeiten begrenzen, offline Aktivitäten fördern) Teil der Therapie sein. Wichtig ist, auch hier Komorbiditäten zu beachten: Verhaltenssüchte treten häufig zusammen mit Depressionen, ADHS oder Angststörungen auf, die ebenfalls behandelt werden sollten.


Rückfallprävention und langfristige Abstinenzstrategien: Da Sucht eine chronische Erkrankung ist, endet die Arbeit nicht mit dem Ende der Entwöhnungstherapie. Die Aufrechterhaltung der Abstinenz bzw. die Kontrolle des Verhaltens erfordert langfristige Planung – man spricht von Rückfallprävention. Patienten lernen, kritische Situationen zu erkennen: z. B. Feiern, auf denen Alkohol angeboten wird, Stressphasen im Beruf oder Einsamkeit am Abend (je nachdem, was früher oft zum Konsum geführt hat). Für solche Situationen werden Bewältigungsstrategien entwickelt. Das können Alternativhandlungen sein (bei Stress eine Runde joggen statt zur Droge zu greifen), das Meiden bestimmter High-Risk-Umgebungen (etwa Kneipen oder der Kontakt zu alten „Trinkkumpanen“) oder das Einüben eines festen Notfallplans – z. B. im Craving-Moment sofort eine/n Freund/in anrufen oder eine Entspannungsübung machen. Ein berühmter Leitspruch aus der Suchthilfe lautet: „Das erste Glas ist das gefährlichste“ – will heißen, schon der allererste Konsum nach einer abstinenten Phase kann einen vollständigen Rückfall auslösen. Daher wird Abstinenz als Ziel in vielen Programmen hochgehalten. Selbsthilfegruppen sind auch hier langfristig wichtig: Viele besuchen sie jahrelang oder lebenslang regelmäßig, um sich gegenseitig accountable zu halten. Manche Ex-Abhängige holen sich zusätzlich in schwierigen Zeiten Unterstützung durch eine/n Therapeut/in (auch nach Jahren kann eine Auffrischung hilfreich sein). Achtsamkeit und das Pflegen eines gesunden Lebensstils (Sport, Hobbys, stabile soziale Kontakte) gehören ebenso zu den Schutzfaktoren, um gar nicht erst wieder in das alte Loch zu fallen. Sollte es trotz aller Vorsicht zu einem Rückfall kommen, gilt: nicht aufgeben! Rückfälle sind in gewissem Maße normal in der Suchtbehandlung. Wichtig ist, ihn sofort offen anzugehen, auslösende Faktoren zu analysieren und daraus zu lernen, um künftig besser gewappnet zu sein. Langfristige Abstinenz ist machbar, wie die Geschichten vieler Genesener zeigen – aber sie erfordert Geduld, Unterstützung und oft eine grundlegende Veränderung des Lebensstils. Die Mühe lohnt sich jedoch: Wer die Sucht überwunden hat, gewinnt die Kontrolle über das eigene Leben zurück und kann gesünder und freier in die Zukunft blicken.