Persönlichkeitsstörungen sind psychische Störungen, bei denen bestimmte Eigenschaften und Verhaltensmuster der Persönlichkeit so ausgeprägt, starr und unflexibel sind, dass sie zu erheblichen Problemen im Alltag führen. Anders als vorübergehende Stimmungsschwankungen oder normale Eigenheiten sind diese Muster tief verwurzelt und über Jahre hinweg stabil. Betroffene ecken durch ihr Verhalten häufig im zwischenmenschlichen Bereich oder im Berufsleben an. Sie selbst erleben ihr Verhalten jedoch anfangs oft als zu ihrer Person gehörig und nicht als problematisch, was die Einsicht in die Störung erschweren kann. Erst wenn der Leidensdruck – etwa durch Konflikte, Arbeitsplatzverlust oder soziale Isolation – groß wird, suchen viele Hilfe.
Persönlichkeitsstörungen beginnen meist im späten Jugend- oder frühen Erwachsenenalter, können sich aber in Ansätzen auch schon früher zeigen. Etwa 9% der Bevölkerung sind Schätzungen zufolge von einer Persönlichkeitsstörung betroffen (Quelle: msdmanuals.com). Männer und Frauen sind in etwa gleich häufig betroffen, wenngleich bestimmte Störungen bei einem Geschlecht öfter diagnostiziert werden (z.B. dissoziale Persönlichkeitsstörung häufiger bei Männern) (Quelle: msdmanuals.com). Wichtig ist: Eine Persönlichkeitsstörung ist keine Charakterschwäche oder willentliche Eigenart, sondern eine anerkannte psychische Erkrankung. Die Diagnose wird von Fachärzten oder Psychotherapeuten anhand definierter Kriterien (ICD-10 oder DSM-5) gestellt.
Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung zeigen langandauernde Erlebens- und Verhaltensmuster, die deutlich von dem abweichen, was in ihrer Kultur als „normal“ angesehen wird. Diese Muster durchziehen viele Lebensbereiche und führen oft zu Problemen in Beziehungen, im Beruf und mit sich selbst. Typisch ist, dass die Betroffenen wenig flexibel auf unterschiedliche Anforderungen reagieren können – ihr Verhalten ist maladaptiv, also unangepasst. Häufig bestehen Schwierigkeiten, stabile zwischenmenschliche Beziehungen zu führen, ein konsistentes Selbstbild aufrechtzuerhalten oder angemessen mit Stress und Gefühlen umzugehen. Je nach Art der Persönlichkeitsstörung können die konkreten Symptome sehr unterschiedlich sein. Einige Betroffene wirken z.B. sonderbar und misstrauisch, andere extrem emotional und impulsiv, wieder andere sehr ängstlich und vermeiden soziale Kontakte. Allen gemeinsam ist jedoch, dass die Persönlichkeitszüge so extrem und unflexibel sind, dass sie für die Person selbst und das Umfeld leidvoll werden. Oft fehlen Krankheitseinsicht und Anpassungsfähigkeit – man hält das eigene Erleben und Verhalten für „normal“, auch wenn es immer wieder zu negativen Konsequenzen führt.
Da es verschiedene Persönlichkeitsstörungen gibt, variieren die Symptome. Dennoch gibt es einige übergreifende Merkmale. Betroffene haben häufig ein gestörtes Selbstbild und Probleme mit der Identität – sie wissen nicht genau, wer sie sind oder ihr Selbstwertgefühl schwankt stark. Beziehungen zu anderen Menschen sind oft instabil: Mal klammern sie aus Angst vor dem Verlassenwerden, mal stoßen sie andere rüde weg. Impulsives Verhalten ist vor allem bei den sogenannten Cluster-B-Störungen häufig (siehe unten), z.B. Wutanfälle, Selbstverletzungen oder riskantes Verhalten. Manche Persönlichkeitsstörungen gehen mit einem Mangel an Empathie und Rücksicht einher (etwa bei narzisstischer oder dissozialer PS), andere mit starker Empfindlichkeit gegenüber Kritik und sozialem Rückzug (z.B. selbstunsichere/ängstlich-vermeidende PS). Auch ungewöhnliche Denkmuster können auftreten – etwa paranoide Verdächtigungen oder eigentümliche Überzeugungen. Wichtig: Diese Verhaltensmuster treten über lange Zeit immer wieder auf und sind nicht durch kurzzeitige Lebenskrisen erklärbar.
Die Entstehung von Persönlichkeitsstörungen wird durch ein Zusammenspiel biologischer und psychosozialer Faktoren erklärt. Vererbung spielt eine bedeutende Rolle – genetische Einflüsse machen bei den meisten Persönlichkeitsstörungen ungefähr 50% des Risikos aus (Quelle: msdmanuals.com). Diese hohe Erblichkeit ist vergleichbar mit der anderer schwerer psychischer Erkrankungen und widerlegt die veraltete Annahme, Persönlichkeitsstörungen seien vor allem durch Erziehung oder „schlechten Charakter“ bedingt (Quelle: msdmanuals.com). Gleichzeitig sind Umweltfaktoren wichtig: Häufig finden sich in der Lebensgeschichte der Betroffenen traumatische Erfahrungen. Insbesondere bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung haben Studien gezeigt, dass ein Großteil der Betroffenen in der Kindheit körperliche oder sexuelle Gewalterfahrungen oder schwere Vernachlässigung erlebt hat (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). Solche frühen chronischen Belastungen beeinflussen die Persönlichkeitsentwicklung massiv – das Kind entwickelt dysfunktionale Bewältigungsstrategien und negative Grundüberzeugungen, die sich verfestigen. Auch ein inkonsequenter oder übermäßig kritischer Erziehungsstil, anhaltende Zurückweisung oder instabile familiäre Beziehungen können zur Entwicklung einer vulnerablen Persönlichkeit beitragen. Meist wirken genetische Veranlagung und belastende Lebensereignisse zusammen: Die Gene schaffen eine gewisse Verwundbarkeit (Vulnerabilität), und ungünstige Umwelteinflüsse können dann tatsächlich zur Ausprägung der Störung führen.
Interessanterweise lassen sich bei Persönlichkeitsstörungen auch Veränderungen im Gehirn nachweisen. Frühe traumatische Erlebnisse können die Hirnentwicklung beeinflussen und messbare Spuren hinterlassen (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). Am bekanntesten ist dies bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung: Hier haben bildgebende Untersuchungen gezeigt, dass bestimmte Hirnregionen anders funktionieren und strukturiert sind als bei Menschen ohne Borderline. Besonders die Amygdala (Mandelkern), ein für Emotionen und Angstverarbeitung wichtiges Zentrum, ist bei Borderline-Betroffenen kleiner als normal und reagiert überschießend auf emotionale Reize (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). Auch der Hippocampus – zuständig für Emotionen und Gedächtnis – weist bei Borderline-Patienten oft Volumenminderungen auf (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). Diese Veränderungen im limbischen System könnten mit der ausgeprägten emotionalen Instabilität und Stressüberempfindlichkeit in Verbindung stehen. Darüber hinaus wurden Auffälligkeiten im Neurotransmittersystem festgestellt: So scheint z.B. die Aktivität des serotonergen Systems (Serotonin ist ein stimmungs- und impulskontrollregulierender Botenstoff) bei Borderline und auch anderen Persönlichkeitsstörungen verringert zu sein (Quelle: neurologen-und-psychiater-im-netz.org). Eine niedrige Serotoninaktivität wird unter anderem mit Impulsivität und Aggressivität in Verbindung gebracht, was erklären könnte, warum manche Betroffene impulsive Wutausbrüche oder selbstschädigendes Verhalten zeigen. Zusammengefasst deuten diese neurologischen Befunde darauf hin, dass Persönlichkeitsstörungen auch biologisch fundiert sind: Bestimmte Hirnareale und -funktionen entwickeln sich unter Einfluss von Genen und Stress anders, was die ungewöhnlichen Verhaltens- und Erlebnisweisen mitbedingen kann.
Im Folgenden werden alle Persönlichkeitsstörungen nach ICD-10 mit kurzen Beschreibungen vorgestellt. Das ICD-10 (International Classification of Diseases, 10. Revision) ist ein von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenes Diagnosemanual, das in Europa gebräuchlich ist. Darin sind unter den Codes F60.0 bis F60.9 die spezifischen Persönlichkeitsstörungen aufgeführt:
Weitere spezifische Persönlichkeitsstörungen nach ICD-10 (F60.8) sind weniger geläufig, z.B. die passiv-aggressive (negativistische) Persönlichkeitsstörung, die durch widerwilliges, aufsässiges Verhalten und Vermeidungsstrategien gegenüber Anforderungen charakterisiert ist. In der klinischen Praxis spielen diese „sonstigen“ Kategorien jedoch eine geringe Rolle gegenüber den oben genannten Hauptformen.
Die hier aufgelistete Unterteilung der Persönlichkeitsstörungen stammt aus der ICD-10. In der ICD-11 (gültig seit 2022) wurde die Klassifikation der Persönlichkeitsstörungen grundlegend geändert. Es gibt nicht mehr die Vielzahl einzelner Diagnosen, sondern nur noch die übergeordnete Diagnose „Persönlichkeitsstörung“, die in drei Schweregrade unterteilt wird: leicht, mittel oder schwer (Quelle: rosenfluh.ch). Zusätzlich werden besondere Ausprägungen von Persönlichkeitszügen (sogenannte Trait-Domains) angegeben, um das Störungsbild näher zu beschreiben. Fünf wichtige Trait-Domains in ICD-11 sind zum Beispiel: Negative Affektivität (Neigung zu negativen Gefühlen wie Angst, Depression, Wut), Distanziertheit (Rückzug, emotionale Kühle), Dissozialität (Mangel an Empathie, antisoziales Verhalten), Enthemmung (Impulsivität, Risikoverhalten) und Anankastie (Perfektionismus, Rigidität) (Quelle: rosenfluh.ch). Anhand dieser Merkmale wird das Profil der Persönlichkeitsstörung beschrieben, anstatt starr in Kategorien zu denken. Lediglich für das Borderline-Muster gibt es in ICD-11 eine spezielle Kennzeichnung: Zeigt ein Patient die typischen Borderline-Kriterien, kann zusätzlich der Code „Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Muster“ vergeben werden (Quelle: rosenfluh.ch). Insgesamt spiegelt die ICD-11 damit ein dimensionales Modell wider, bei dem Schweregrad und individuelle Ausprägungen im Vordergrund stehen, anstatt wie früher klar abgegrenzte Störungstypen.
Das amerikanische Diagnosemanual DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Auflage) verwendet weiterhin die klassischen Kategorien der Persönlichkeitsstörungen (insgesamt 10 Störungen, analog zu oben), gruppiert sie aber der Übersicht halber in drei Cluster (Quelle: msdmanuals.com). Diese Cluster fassen Störungen mit ähnlichen übergeordneten Merkmalen zusammen:
Diese Cluster-Einteilung erleichtert zwar die grobe Orientierung, hat aber keinen direkten Einfluss auf die Therapie. Sie zeigt jedoch anschaulich, dass es innerhalb der Persönlichkeitsstörungen Untergruppen mit ähnlichen Tendenzen gibt (von exzentrisch über dramatisch bis ängstlich). Jeder Mensch mit einer Persönlichkeitsstörung hat dennoch ein individuelles Profil – oft liegen sogar Merkmale mehrerer Persönlichkeitsstörungen gleichzeitig vor (Komorbidität innerhalb der PS-Typen).
Persönlichkeitsstörungen galten lange als schwer behandelbar. Heute weiß man, dass Therapie durchaus hilfreich sein kann – auch wenn sie oft langwierig ist. Meist ist eine Kombination aus Psychotherapie und (falls nötig) psychiatrischer Medikamentenbehandlung am effektivsten. Wichtig zu wissen: Es gibt kein Patentrezept und keine Pille, die die Persönlichkeitsstörung „heilt“. Stattdessen wird ein auf den einzelnen Patienten abgestimmtes Behandlungskonzept erstellt. Im Folgenden ein Überblick über gängige Ansätze:
Die Psychotherapie ist die zentrale Behandlungssäule bei Persönlichkeitsstörungen. Ziel der Therapie ist es, die störenden Persönlichkeitsmuster schrittweise zu verändern bzw. bessere Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Da Persönlichkeitsstörungen über Jahre gewachsen sind, erfordert dies meist eine längerfristige, vertrauensvolle therapeutische Zusammenarbeit. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die je nach Störungsbild eingesetzt werden:
Entscheidend für den Therapieerfolg ist eine gute therapeutische Beziehung. Da Menschen mit Persönlichkeitsstörungen oft Schwierigkeiten im Vertrauen und in Beziehungen haben, muss der Therapeut geduldig eine stabile Allianz aufbauen. Häufig treten in der Therapie ähnliche Muster zutage wie im realen Leben (z.B. der Patient lehnt den Therapeuten plötzlich ab, idealisiert ihn vorher oder testet Grenzen aus) – einen konstruktiven Umgang damit zu finden, ist Teil des Heilungsprozesses.
Mit Geduld und kontinuierlicher Therapie lassen sich bei vielen Patienten deutliche Verbesserungen erreichen. Die extremen schwarz-weiß Denkmuster können gemildert, Impulse besser kontrolliert und Beziehungen stabilisiert werden. Wichtig ist auch die Einbeziehung von Angehörigen, sofern möglich, damit diese die Störung besser verstehen und unterstützend mitwirken können.
Medikamente spielen in der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen eine unterstützende, aber meist nicht primäre Rolle. Es gibt kein spezifisches Medikament, das eine Persönlichkeitsstörung heilen oder die Persönlichkeit grundlegend verändern könnte. Allerdings können Psychopharmaka eingesetzt werden, um akute Symptome oder Begleiterkrankungen zu lindern. Viele Patienten mit Persönlichkeitsstörungen leiden gleichzeitig unter Depressionen, Angststörungen oder starken Stimmungsschwankungen – in solchen Fällen werden entsprechende Medikamente wie Antidepressiva verordnet, um diese Symptome zu behandeln (Quellen: therapie.de, therapie.de).
Bei impulsivem, aggressivem Verhalten (z.B. in einigen Fällen von Borderline- oder antisozialer PS) können Stimmungsstabilisierer oder Antikonvulsiva (wie bestimmte Anti-Epileptika) sowie niedrig dosierte atypische Neuroleptika zum Einsatz kommen, um die Impulsivität zu dämpfen. Insbesondere bei Borderline wird häufig auf SSRIs (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, eine Form von Antidepressiva) zurückgegriffen, da man annimmt, dass sie die gestörte Serotonin-Regulation und damit verbundene Impulsivität und depressive Verstimmungen verbessern (Quelle: therapie.de). Zum Beispiel hat sich Fluoxetin in Studien als hilfreich bei der Impulskontrollstörung erwiesen (Quelle: therapie.de). Bei stark ausgeprägter Angst und Anspannung (etwa in der selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung) können anxiolytische Medikamente helfen – oft werden hier ebenfalls Antidepressiva (in angstlösender Dosierung) oder gelegentlich Beruhigungsmittel (Benzodiazepine) kurzzeitig eingesetzt (Quelle: therapie.de). Letztere sollte man wegen Suchtgefahr aber nur sehr vorsichtig und nicht langfristig geben (Quelle: therapie.de). Psychotische Symptome (wie vorübergehende paranoide Wahnideen oder schwere Dissoziationen, die z.B. bei Borderline oder schizotypischer PS vorkommen können) werden mit Antipsychotika in niedriger Dosierung behandelt (Quelle: therapie.de).
Wichtig ist: Medikamente werden begleitend zur Psychotherapie eingesetzt, nicht als Ersatz (Quellen: therapie.de, therapie.de). Sie können einzelne Symptome mildern (z.B. Stimmung stabilisieren, Ängste senken oder Schlaf fördern), schaffen aber nicht die zugrundeliegenden Persönlichkeitsmuster aus der Welt (Quelle: therapie.de). Daher betonen Experten, dass Psychopharmaka immer nur in Kombination mit Therapie gegeben werden sollten, da sie allein die Persönlichkeitsstörung kaum verändern (Quelle: therapie.de). Unter therapeutischer Begleitung kann zudem überwacht werden, dass kein Medikamentenmissbrauch entsteht (ein Risiko v.a. bei impulsiven Patienten) (Quelle: therapie.de).
Zusätzlich zur Psychotherapie und Medikation können in akuten Krisen kurzfristige stationäre Aufenthalte notwendig werden – etwa wenn Suizidgefahr besteht oder extreme Selbstverletzungen auftreten (häufiger bei Borderline). In der Klinik kann der Patient stabilisiert werden, und es wird an Skills gearbeitet, um die Krise zu bewältigen. Langfristig ist jedoch die ambulante Therapie im Alltag entscheidend.
Zusammenfassend: Die Behandlung von Persönlichkeitsstörungen erfordert oft einen langen Atem, ist aber durchaus erfolgreich möglich. Ein kombiniertes Vorgehen – Psychotherapie als Kernstück, unterstützt durch Medikamente für bestimmte Symptome – hat sich bewährt. Wichtig sind eine individuell zugeschnittene Therapieplanung, Geduld und die aktive Mitarbeit des Patienten. Mit der Zeit können selbst tief verankerte Verhaltensmuster positiv verändert werden. Viele Betroffene berichten, dass sie durch die Therapie gelernt haben, sich und andere besser zu verstehen, stabilere Beziehungen zu führen und insgesamt die Lebensqualität deutlich zu steigern. So können Persönlichkeitsstörungen, die früher einmal als unveränderbar galten, heute effektiv behandelt werden – die Aussicht auf Besserung und persönliches Wachstum ist also gegeben.
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