Essstörungen

Einführung


Essstörungen sind ernstzunehmende psychische Erkrankungen, bei denen das Essverhalten und die Wahrnehmung des eigenen Körpers gestört sind (Quelle: dock.hkk.de). Menschen mit einer Essstörung beschäftigen sich zwanghaft mit Themen rund um Essen, Gewicht und Figur, was ihre Lebensqualität stark beeinträchtigen kann. Typischerweise beginnen Essstörungen im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter (Quelle: dock.hkk.de), können aber grundsätzlich in jedem Alter auftreten. Betroffene können das Essen nicht mehr unbeschwert genießen – Gedanken kreisen ständig ums Essen oder Nicht-Essen, und Angst vor Gewichtszunahme oder Schuldgefühle nach dem Essen sind häufig. Essstörungen zählen zu den häufigsten chronischen Störungen der psychischen Gesundheit und können die körperliche Gesundheit erheblich gefährden. Eine frühe Aufklärung und Behandlung sind wichtig, damit Betroffene wieder ein gesundes Verhältnis zu Nahrung und Körper entwickeln.

Symptome, Anzeichen, Ursachen


Psychologische Ursachen und Hintergründe


Essstörungen entstehen multifaktoriell, wobei psychologische Einflüsse oft eine zentrale Rolle spielen. Viele Betroffene nutzen das Essverhalten unbewusst zur emotionalen Regulierung – zum Beispiel als Ventil für Stress, Traurigkeit oder Kontrollbedürfnisse. Häufig liegen Selbstwertprobleme und ein unsicheres Selbstbild zugrunde: Ein instabiles Selbstwertgefühl erhöht die Anfälligkeit für Essstörungen deutlich (Quelle: dock.hkk.de). Betroffene fühlen sich oft nicht gut genug und versuchen, über strikte Kontrolle des Essens oder des Körpergewichts Selbstwert zu gewinnen. Auch Perfektionismus ist ein bekannter Risikofaktor – der Drang, immer alles “richtig” zu machen und den eigenen hohen Ansprüchen zu genügen, setzt die Person unter dauerhaften Druck (Quelle: dock.hkk.de) Dieser innere Druck und das Gefühl, nicht zu genügen, können zu einem Teufelskreis beitragen, in dem das gestörte Essverhalten kurzfristig Erleichterung oder Kontrolle verschafft. Zudem treten Essstörungen häufig gemeinsam mit anderen psychischen Belastungen auf: Zum Beispiel leiden manche Betroffene gleichzeitig an Depressionen oder Angststörungen, sozialen Phobien oder haben traumatische Erlebnisse in der Vorgeschichte (Quelle: dock.hkk.de). Solche Faktoren können das Risiko für die Entwicklung einer Essstörung weiter erhöhen.


Biologische Faktoren


Neben der Psyche spielen auch biologische Einflüsse eine Rolle bei Essstörungen. Genetische Faktoren sind wichtig: In manchen Familien treten Essstörungen gehäuft auf, was auf eine erbliche Veranlagung hindeutet (Quelle: dock.hkk.de). Zudem können hormonelle Veränderungen und neurologische Faktoren das Essverhalten beeinflussen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine gestörte Hunger- und Sättigungsregulation beteiligt sein kann. Konkret wurden Ungleichgewichte bei den Appetithormonen beobachtet: Ist die feine Abstimmung von Ghrelin (dem „Hungerhormon“) und Leptin (dem Sättigungshormon) gestört, kann dies Essanfälle oder extreme Appetitlosigkeit begünstigen (Quelle: dock.hkk.de). Auch Neurotransmitter im Gehirn spielen möglicherweise mit – zum Beispiel Serotonin, das für Glücksgefühle und Stimmung zuständig ist, beeinflusst auch den Appetit (Quelle: dock.hkk.de). Ein Ungleichgewicht des Stresshormons Cortisol kann ebenfalls Auswirkungen auf das Essverhalten haben (Quelle: dock.hkk.de). Darüber hinaus zeigen sich Essstörungen oft in Lebensphasen mit hormonellen Umstellungen (Pubertät, Schwangerschaft, Wechseljahre), was darauf hindeutet, dass Sexualhormone ebenfalls einen Einfluss haben können (Quelle: dock.hkk.de). Wichtig ist jedoch: Kein biologischer Faktor allein verursacht eine Essstörung, meist treffen mehrere Risikofaktoren zusammen. Die biologischen Aspekte können aber erklären, warum manche Menschen anfälliger sind als andere – ihr Körper reagiert möglicherweise anders auf Hunger- und Sättigungssignale oder Stressreize.


Gesellschaftliche Einflüsse


Unsere Gesellschaft und Umwelt formen maßgeblich unser Körperbild und Essverhalten. Ständige Konfrontation mit bestimmten Schönheitsidealen kann den Nährboden für Essstörungen bereiten. In westlichen Medien und der Werbung wird Schlanksein oft mit Schönheit, Erfolg und Disziplin gleichgesetzt (Quelle: dock.hkk.de). Jugendliche wachsen mit Instagram, TikTok und TV-Shows wie Germany’s Next Topmodel auf, wo ein scheinbar perfekter Körper zur Norm stilisiert wird. Dieser Druck sorgt insbesondere bei jungen Menschen dafür, dass sie ihren eigenen Körper als “nicht gut genug” empfinden (Quelle: dock.hkk.de). Soziale Medien verstärken das Problem: Dort werden Fotos häufig bearbeitet und idealisiert präsentiert, was einen unrealistischen Vergleich schafft. Viele Betroffene von Essstörungen berichten, dass Vergleiche mit Influencern, Models oder durchtrainierten Körpern online ihr eigenes Körperbild negativ beeinflusst haben. Neben dem Schlankheitsideal spielt auch die Stigmatisierung von Übergewicht eine Rolle: In unserer Gesellschaft werden übergewichtige Menschen oft abwertend behandelt oder mit Vorurteilen konfrontiert. Fat-Shaming und Hänseleien können bei Betroffenen tiefe Scham- und Minderwertigkeitsgefühle auslösen und im Gegenzug ungesunde Essgewohnheiten fördern (z.B. emotionales Essen als Trost). Auch das familiäre und soziale Umfeld ist relevant – etwa, wenn in Freundeskreisen ständig über Diäten gesprochen wird oder Mobbing aufgrund des Aussehens auftritt. Zusammenfassend lässt sich sagen: Ein gesellschaftliches Klima, das einen bestimmten Körpertyp idealisiert und Abweichungen hart beurteilt, erhöht den Druck auf den Einzelnen und kann bei vorhandener Vulnerabilität eine Essstörung auslösen oder aufrechterhalten.


Kulturelle Unterschiede


Essstörungen und Körperideale sind auch kulturell geprägt. Was in einer Gesellschaft als attraktiv gilt, kann in einer anderen ganz anders bewertet werden. In vielen ost- und südostasiatischen Kulturen – zum Beispiel in Vietnam – ist ein extrem schlanker Körper ein vorherrschendes Schönheitsideal (Quelle: turi2.de). Dort streben viele junge Menschen nach größter Schlankheit, da Dünnsein mit Schönheit, Erfolg und sogar Status assoziiert wird. Medienberichte sprechen davon, dass Magersucht in manchen asiatischen Ländern nahezu als erstrebenswert gelten kann, um dem Ideal zu entsprechen. Im starken Kontrast dazu stehen westliche Länder, in denen zwar ebenfalls Schlankheit glorifiziert wird, jedoch Adipositas (Fettleibigkeit) zugleich zu einer Volkskrankheit geworden ist. In Deutschland etwa ist rund jeder dritte Erwachsene deutlich übergewichtig (Quelle: bundesfachverbandessstoerungen.de) – eine Rate, die in vielen asiatischen Ländern wesentlich niedriger liegt. Das zeigt, wie Lebensstil und Ernährungskultur (z.B. Fast Food, Portionsgrößen, Bewegungsverhalten) in verschiedenen Regionen unterschiedlich sind. Gleichzeitig gibt es kulturelle Gruppen, in denen Üppigkeit positiv gesehen wird – historisch galt etwa in einigen afrikanischen oder pazifischen Kulturen ein fülliger Körper als Zeichen von Wohlstand und Gesundheit. Heutzutage verbreiten sich westliche Schönheitsideale jedoch global, was dazu führt, dass Essstörungen wie Anorexie und Bulimie mittlerweile weltweit auftreten, auch in Ländern, in denen sie früher kaum bekannt waren. Dennoch muss man kulturelle Besonderheiten beachten: Der gesellschaftliche Umgang mit Essen (z.B. feste Familienmahlzeiten, religiöse Fastenzeiten, traditionelle Speisen) und die Bedeutung von Körperform variieren. So gibt es zum Beispiel in manchen Kulturen eine höhere Toleranz gegenüber Rundlichkeit, während anderswo schon kleinste Gewichtszunahmen kritisch beäugt werden. Diese kulturellen Unterschiede beeinflussen sowohl die Häufigkeit verschiedener Essstörungen als auch, wie offen darüber gesprochen wird und wann Betroffene sich Hilfe suchen.

Beispiele häufiger Essstörungen


Im Folgenden werden die häufigsten Essstörungen und einige weitere relevante Störungsbilder mit ihren Merkmalen vorgestellt. Jede hat spezifische Symptome, doch allen gemein ist ein ungesunder Umgang mit Essen und oft eine verzerrte Sicht auf den eigenen Körper.


Anorexia nervosa (Magersucht)


Anorexie – umgangssprachlich Magersucht – ist vielleicht die bekannteste Essstörung. Betroffene haben eine intensive Angst vor Gewichtszunahme und das starke Bedürfnis, dünn zu sein. Sie versuchen daher, ihr Gewicht drastisch zu reduzieren oder niedrig zu halten, meist durch extreme Einschränkung der Nahrungsaufnahme. Typisch ist eine verzerrte Körperwahrnehmung: Selbst bei gefährlichem Untergewicht fühlen sich die Betroffenen noch “zu dick” (Quelle: dock.hkk.de). Häufig wird heimlich oder immer weniger gegessen, oft begleitet von exzessivem Sporttreiben oder der Einnahme von Appetitzüglern, um noch mehr abzunehmen. Körperliche Warnsignale wie ständiges Frieren, Ausbleiben der Menstruation bei Frauen, Schwindel oder Konzentrationsprobleme werden ignoriert. Anorexie beginnt oft im Teenageralter, insbesondere bei Mädchen in der Pubertät (Quelle: dock.hkk.de), doch auch Jungen und Erwachsene können erkranken. Ohne Behandlung kann Magersucht zu schwerer Mangelernährung und lebensgefährlichen Organfolgen führen. Dennoch empfinden sich die Erkrankten meist nicht als krank und suchen selten freiwillig Hilfe – das Krankheitsbild ist von starker Leugnung geprägt. Wichtig für Außenstehende: Anorexie ist nicht “nur eine Phase” oder bloße Eitelkeit, sondern eine ernsthafte psychische Störung, die eine professionelle Behandlung erfordert.


Bulimia nervosa (Bulimie)


Bulimie – auch Ess-Brech-Sucht genannt – ist durch wiederkehrende Essanfälle und anschließende kompensatorische Maßnahmen gekennzeichnet. In kurzer Zeit nehmen Betroffene bei einem Essanfall (oft heimlich) enorme Mengen an meist hochkalorischer Nahrung zu sich, bis sie ein Gefühl völligen Kontrollverlusts erleben (Quelle: dock.hkk.de). Danach treten starke Schuld- und Schamgefühle auf sowie die panische Angst, durch die Kalorien zuzunehmen. Um das zu verhindern, greifen Bulimiker zu Gegenmaßnahmen: Sehr häufig wird absichtlich Erbrechen herbeigeführt. Manche nutzen auch Abführmittel, entwässernde Medikamente oder treiben exzessiv Sport, um die Kalorien “rückgängig” zu machen (Quelle: dock.hkk.de). Dieses Verhalten ist heimlich und mit großem seelischen Leiden verbunden. Äußerlich bleiben Menschen mit Bulimie oft normalgewichtig oder haben nur leichte Gewichtsschwankungen, wodurch die Krankheit für das Umfeld schwer erkennbar sein kann. Die ständigen Ess-Brech-Zyklen belasten jedoch den Körper erheblich: Mögliche Folgen sind Elektrolytstörungen, Zahnschäden durch Magensäure, Magen-Darm-Probleme, Herzrhythmusstörungen und Schwächeanfälle. Bulimie tritt meist etwas später auf als Anorexie, häufig im späten Jugendalter oder frühen Erwachsenenalter (Quelle: dock.hkk.de). Die Ursachen ähneln denen anderer Essstörungen (z.B. geringes Selbstwertgefühl, Schlankheitsdruck), doch das Muster ist anders: Betroffene pendeln zwischen Phasen strenger Kontrolle und impulsiven Essanfällen. Wichtig zu wissen: Bulimie ist oft von außen nicht sichtbar und Betroffene schämen sich, weshalb es viel Empathie braucht, um ihnen den Weg zur Therapie zu erleichtern.


Binge-Eating-Störung (Esssucht)


Die Binge-Eating-Störung (BES) ist weniger bekannt, aber weit verbreitet. Hauptmerkmal sind wiederholte Essanfälle, bei denen Betroffene in kurzer Zeit ungewöhnlich große Nahrungsmengen verschlingen – vergleichbar mit den Anfällen bei Bulimie (Quelle: dock.hkk.de). Im Unterschied zur Bulimie unternehmen Binge Eater danach jedoch keine “gegensteuernden” Maßnahmen wie Erbrechen oder Kalorien kompensieren (Quelle: dock.hkk.de). Dadurch führt die Störung häufig zu Übergewicht oder Adipositas, was zusätzlich belastend wirkt. Während des Essanfalls haben die Betroffenen das Gefühl, die Kontrolle völlig zu verlieren – sie essen oft hastig, bis ein unangenehmes Völlegefühl entsteht. Solche Anfälle passieren meist heimlich. Im Nachhinein empfinden die Betroffenen tiefe Scham, Ekel vor sich selbst und Depressionen, weil sie das Essen nicht kontrollieren konnten (Quelle: dock.hkk.de). Viele entwickeln ein regelrechtes Esssucht-Gefühl, bei dem Essen zur Beruhigung oder als Trostmittel genutzt wird, ähnlich einer Sucht. Binge Eating betrifft Männer und Frauen, häufig beginnt es im jungen Erwachsenenalter, kann aber auch später auftreten. Wie bei anderen Essstörungen spielen emotionale Faktoren (Stress, Frustration, Langeweile) eine große Rolle bei der Auslösung von Anfällen. Die körperlichen Folgen von Binge-Eating können gravierend sein: starkes Übergewicht, erhöhtes Risiko für Diabetes, Bluthochdruck und Herzkrankheiten. Da aber viel Scham im Spiel ist, dauert es oft lange, bis sich Betroffene jemandem anvertrauen. Wichtig ist, Binge-Eating als eigenständige Erkrankung anzuerkennen (es ist keine Charakterschwäche oder mangelnde Willenskraft!) und therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, um die Essanfälle in den Griff zu bekommen.


Orthorexie (Orthorexia nervosa)


Bei der Orthorexie handelt es sich um eine noch nicht offiziell anerkannte, aber immer häufiger diskutierte Form der Essstörung. Der Begriff bedeutet “krankhafte Fixierung auf gesunde Ernährung”. Betroffene von Orthorexie sind zwanghaft darauf bedacht, nur “reine”, gesunde Lebensmittel zu sich zu nehmen, und halten sich an selbst auferlegte strenge Ernährungsregeln (Quelle: oberbergkliniken.de). Was zunächst wie vorbildliche Disziplin wirkt, nimmt pathologische Züge an: Die Beschäftigung mit Nährwerten, Inhaltsstoffen und der Qualität der Nahrung dominiert das Leben der Person. Gedanklich dreht sich alles ums Essen, stundenlang werden Lebensmittel recherchiert, Mahlzeiten geplant und “schädliche” Zutaten gemieden. Nach und nach werden die erlaubten Lebensmittel immer weiter eingeschränkt – vieles gilt als “nicht sauber genug”. Diese extreme Diät führt paradoxerweise oft zu Mangelernährung, da wichtige Nährstoffe fehlen, oder zu sozialer Isolation, weil Essen mit Freunden/Familie gemieden wird (man könnte ja etwas “Ungesundes” serviert bekommen) (Quellen: oberbergkliniken.deoberbergkliniken.de). Typisch sind auch Gefühle von Schuld und Scham, falls die strikten Ernährungsregeln gebrochen werden (Quelle: oberbergkliniken.de). Anders als bei Anorexie steht nicht primär der Wunsch nach Gewichtsabnahme im Vordergrund, sondern das Streben nach gesundheitlicher “Reinheit”. Dennoch können die Folgen ähnlich schwerwiegend sein. Orthorexie kann zu gefährlichem Untergewicht führen, wenn die Ernährung immer einseitiger wird. Psychisch leiden die Betroffenen unter extremen Zwängen und Ängsten rund ums Essen. Obwohl Orthorexie (noch) keine offizielle Diagnosekategorie ist, erkennen Experten sie als relevantes Störungsbild an. Wichtig ist, Balance zu finden: Gesunde Ernährung ist positiv, aber wenn sie zwanghaft wird und das Leben beherrscht, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.


Adipositas (krankhaftes Übergewicht)


Adipositas bezeichnet ein starkes Übergewicht (meist definiert ab einem Body-Mass-Index von 30 aufwärts) mit übermäßiger Ansammlung von Fettgewebe im Körper. Streng genommen ist Adipositas keine Essstörung im klinischen Sinne (Quelle: bzga-essstoerungen.de), da Übergewicht viele verschiedene Ursachen haben kann (z.B. genetische Veranlagung, Stoffwechsel, Medikamente) und nicht immer mit einem gestörten Essverhalten einhergeht. Allerdings überschneidet sich Adipositas häufig mit Essstörungen – insbesondere mit der Binge-Eating-Störung. Viele (wenn auch nicht alle) Menschen mit Adipositas kämpfen mit ungesunden Essgewohnheiten, z.B. regelmäßigem emotionalen Essen, häufigen Heißhungerattacken oder einem “Suchtverhalten” gegenüber bestimmten Lebensmitteln. Adipositas ist in industrialisierten Gesellschaften weit verbreitet, begünstigt durch Überangebot an Nahrung und Bewegungsmangel (Quelle: bundesfachverbandessstoerungen.de). Neben den offensichtlichen körperlichen Gesundheitsrisiken (Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenkprobleme) darf man die psychischen Belastungen nicht unterschätzen: Stark übergewichtige Menschen erleben oft Diskriminierung und Stigmatisierung, was das Selbstwertgefühl beeinträchtigt und wiederum zu Frustessen führen kann – ein Teufelskreis. In westlichen Ländern spricht man gar von einer Adipositas-Epidemie, während in einigen anderen Kulturen Adipositas deutlich seltener ist. Bei der Behandlung überschneidet sich Adipositas-Management häufig mit Essstörungstherapie, besonders wenn Esssucht/ Binge-Eating die Gewichtszunahme mitverursacht hat. Wichtig ist auch hier ein verständnisvoller Umgang: Adipositas entsteht meist aus einem komplexen Zusammenspiel von körperlichen und seelischen Faktoren – simplifizierende Ratschläge wie “iss halt weniger” greifen zu kurz. Stattdessen brauchen Betroffene ganzheitliche Hilfe, die Ernährung, Bewegung und psychologische Unterstützung verbindet.


Weitere relevante Essstörungen


Neben den oben genannten Hauptformen gibt es weitere Essstörungen und atypische Varianten, die seltener auftreten, aber dennoch ernst zu nehmen sind. Eine davon ist ARFID (englisch Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder, auf Deutsch vermeidende/restriktive Ernährungsstörung). Bei ARFID schränken Betroffene die Menge oder Vielfalt der Lebensmittel stark ein, die sie zu sich nehmen (Quelle: bzga-essstoerungen.de). Anders als bei Anorexie steht jedoch keine Angst vor Gewichtszunahme dahinter – stattdessen können z.B. eine extreme Abneigung gegen bestimmte Geschmäcker oder Texturen, Angst vor dem Schlucken/Ersticken oder geringe Appetitwahrnehmung die Gründe sein. ARFID tritt häufig schon im Kindesalter auf (man kennt umgangssprachlich “extrem wählerische Esser”), kann aber auch Erwachsene betreffen. Wenn das Essverhalten so selektiv wird, dass Gewichtsverlust, Mangelernährung oder Entwicklungsprobleme auftreten, spricht man von ARFID.


Eine andere seltene Störung ist das Pica-Syndrom. Hierbei besteht das Verlangen, ungenießbare oder nicht nährstoffhaltige Substanzen zu essen, zum Beispiel Erde, Sand, Papier, Kreide oder sogar Abfall (Quelle: flexikon.doccheck.com). Pica tritt gelegentlich bei kleinen Kindern auf, kann aber auch in Zusammenhang mit anderen psychischen Störungen oder während der Schwangerschaft (z.B. Appetit auf merkwürdige Dinge) vorkommen. Es handelt sich um eine eher ungewöhnliche Essstörung, die medizinisch abgeklärt werden muss – etwa um auszuschließen, dass ein Nährstoffmangel (z.B. Eisenmangel kann Gelüste nach Erde auslösen) dahintersteckt.


Zudem gibt es Mischformen und unspezifische Essstörungen, die nicht alle Kriterien der großen Kategorien erfüllen. Manche Betroffene wechseln zum Beispiel zwischen Phasen von Magersucht und Bulimie (sogenannter bulimischer Typ der Anorexie), andere zeigen allgemein ein chronisch gestörtes Essverhalten ohne klare Zuordnung. Auch das Night-Eating-Syndrome (Nächtliche Essanfälle) ist ein bekanntes Phänomen, bei dem Betroffene hauptsächlich nachts große Mengen essen. All diese Varianten können die Gesundheit und Psyche belasten und verdienen Aufmerksamkeit. Wichtig ist, bei auffälligem Essverhalten stets genau hinzuschauen und nicht zu warten, bis sich ein voll ausgeprägtes Störungsbild entwickelt – frühzeitige Unterstützung kann verhindern, dass sich eine leichte Essstörung verfestigt.

Behandlungsmöglichkeiten


Essstörungen lassen sich behandeln, und die Chancen auf eine vollständige Genesung steigen, je früher die Therapie beginnt. Da es sich um komplexe psychosomatische Erkrankungen handelt, ist ein ganzheitlicher Therapieansatz am wirkungsvollsten. Im Folgenden ein Überblick über die gängigen Therapieansätze bei Essstörungen:


Psychotherapie


Die Psychotherapie ist der zentrale Baustein in der Behandlung von Essstörungen (Quelle: bzga-essstoerungen.de). Da Essstörungen tief in der Psyche verwurzelt sind, hilft eine therapeutische Begleitung dabei, die tieferen Ursachen und falschen Überzeugungen aufzudecken. In der Therapie lernen Betroffene z.B., auslösende Gedanken und Gefühle zu erkennen (etwa “Ich bin nichts wert, wenn ich nicht dünn bin”) und diese zu hinterfragen. Besonders bewährt hat sich die kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Sie setzt an aktuellen problematischen Gedanken und Verhaltensmustern an. Betroffene erarbeiten mit dem Therapeuten Strategien, um normales Essverhalten schrittweise wieder aufzubauen – z.B. regelmäßige Mahlzeiten, ohne zu hungern oder zu erbrechen – und üben, den Körper positiver wahrzunehmen. Auch der Umgang mit Stress und negativen Gefühlen wird trainiert, damit Essen nicht mehr als Bewältigungsstrategie dienen muss. Neben KVT kommen je nach Person auch tiefenpsychologische Therapieverfahren (psychodynamische Therapie) in Frage, um unbewusste Konflikte oder frühere Erfahrungen zu bearbeiten, die zur Essstörung beigetragen haben. Bei jungen Patienten mit Anorexie hat sich außerdem die Familientherapie als sehr hilfreich erwiesen: Hier wird die ganze Familie in den Heilungsprozess einbezogen, um ein unterstützendes Umfeld zu schaffen und schädliche Kommunikationsmuster (z.B. übertriebener Leistungsdruck oder Konflikte) zu verändern. In Gruppentherapien können Betroffene zudem von den Erfahrungen anderer lernen und erleben, dass sie nicht alleine sind. Insgesamt zielt Psychotherapie darauf ab, das gestörte Essverhalten zu normalisieren, das Selbstwertgefühl zu stärken und gesündere Bewältigungsmechanismen für Lebenskrisen zu entwickeln.


Ernährungsberatung


Parallel zur psychotherapeutischen Arbeit ist oft eine Ernährungsberatung sinnvoll. Dabei unterstützen Ernährungsberater*innen oder Diätassistent*innen die Betroffenen, Schritt für Schritt ein ausgewogenes Essverhalten aufzubauen. Zu Beginn steht häufig die Wissensvermittlung: Viele Betroffene haben durch Diäten oder ihre Essstörung ein verzerrtes Bild von Nahrung (z.B. überschätzen sie Kalorien oder halten ganze Nahrungsmittelgruppen für “böse”). Die Ernährungsberatung klärt über Nährstoffe, Portionsgrößen und den Bedarf des Körpers auf. Gemeinsam wird ein individueller Ernährungsplan entwickelt, der genügend Kalorien und alle wichtigen Nährstoffe enthält, um Mangelerscheinungen auszugleichen. Bei Magersucht liegt der Fokus zunächst auf gewichtszunehmender Ernährung – behutsam sollen wieder mehr Kalorien aufgenommen werden, oft in Form vieler kleiner Mahlzeiten über den Tag. Bei Bulimie und Binge-Eating hilft ein strukturierter Plan mit regelmäßigen Mahlzeiten, um aus dem Muster von Hungern und Essanfällen auszubrechen. Die Experten geben praktische Tipps, wie man Angst vor bestimmten Lebensmitteln abbauen kann und welche Alternativen es gibt. Ein wichtiger Aspekt ist auch das Körpergefühl: Betroffene lernen, Hunger- und Sättigungssignale ihres Körpers wieder wahrzunehmen und darauf zu vertrauen. In der Ernährungsberatung wird zudem auf medizinische Werte geachtet – etwa Elektrolyte, Vitamine, Knochenstoffwechsel – und gegebenenfalls Nahrungsergänzung oder medizinische Trinknahrung eingesetzt, bis sich der Körper erholt hat. Das übergeordnete Ziel ist, dass Essen seinen Schrecken verliert und wieder als normaler Teil des Lebens gesehen wird, statt als Feind oder Zwang. Ernährungsberatung funktioniert am besten in Kombination mit Psychotherapie, da so sowohl Kopf als auch Körper gleichzeitig angesprochen werden.


Medikamentöse Unterstützung


Medikamente können in bestimmten Fällen ergänzend zur Therapie eingesetzt werden, stehen aber meist nicht an erster Stelle. Da Essstörungen primär psychisch bedingt sind, gibt es keine “Pille gegen Essstörungen”. Allerdings können Medikamente helfen, begleitende Symptome zu lindern oder den Therapieerfolg zu stabilisieren (Quelle: bzga-essstoerungen.de). Beispielsweise werden bei Bulimie und Binge-Eating-Störung teils Antidepressiva (insbesondere SSRIs) verschrieben. Studien haben gezeigt, dass z.B. Fluoxetin bei Bulimie die Häufigkeit von Ess-Brech-Anfällen reduzieren kann, vermutlich indem es die Impulskontrolle verbessert und depressive Verstimmungen mildert. Auch beim Binge-Eating können Antidepressiva oder in manchen Fällen bestimmte Appetitzügler/ADHS-Medikamente (wie Lisdexamfetamin, das in den USA zugelassen ist) die Essanfälle verringern – in Deutschland wird dies jedoch vorsichtig und off-label gehandhabt. Bei Anorexie gibt es kein spezifisches Medikament zur Gewichtszunahme, aber manchmal werden Antipsychotika in niedriger Dosierung (wie Olanzapin) eingesetzt, da sie appetitsteigernd wirken und Zwangsgedanken an Gewicht etwas dämpfen können. Insgesamt dienen Medikamente oft dazu, komorbide Beschwerden zu behandeln: Etwa schwere Depressionen, Zwangsstörungen oder Angstzustände, die mit der Essstörung einhergehen, um den Patienten zu stabilisieren und therapiefähiger zu machen. Wichtig: Medikamente ersetzen nie die Psychotherapie, sondern können höchstens unterstützend wirken (Quelle: bzga-essstoerungen.de). Ihr Einsatz wird individuell sehr sorgfältig abgewogen, auch wegen möglicher Nebenwirkungen (bei unterernährten Patienten z.B. Verträglichkeit). In jedem Fall gehört die medikamentöse Behandlung in die Hände erfahrener Ärzte und wird engmaschig begleitet. Manche Betroffene sind enttäuscht, dass es keine einfache medizinische Lösung gibt – doch die Erfahrung zeigt, dass langfristige Heilung vor allem durch psychologische und verhaltensbezogene Veränderungen erreicht wird, während Medikamente nur ein kleiner Baustein sein können.


Stationäre vs. ambulante Behandlung


Je nach Schweregrad der Essstörung und dem körperlichen Zustand der Patientin/des Patienten muss entschieden werden, ob eine ambulante oder stationäre Behandlung angezeigt ist. Ambulant bedeutet, dass die Therapie während des normalen Alltags stattfindet – Betroffene bleiben in ihrem gewohnten häuslichen Umfeld und besuchen regelmäßig Therapeuten, Ärzte oder Beratungsstellen (Quelle: bzga-essstoerungen.de). Ambulante Therapie eignet sich bei leichteren Formen oder wenn genug Stabilität und Unterstützung im Alltag vorhanden sind. Die Patienten kommen z.B. ein- bis zweimal pro Woche zur Psychotherapie und vielleicht zusätzlich zur Ernährungsberatung, können aber ansonsten Schule, Studium oder Beruf weiterführen. Vorteil: Gelerntes wird direkt im echten Leben umgesetzt und die Hemmschwelle, Hilfe zu suchen, ist niedriger, da man nicht “aus dem Leben gerissen” wird. Allerdings erfordert ambulante Therapie eine hohe Eigenmotivation und Selbstdisziplin der Betroffenen, da sie im Alltag vielen Versuchungen und Stressoren weiter ausgesetzt sind.


Stationär heißt, die Behandlung findet in einer Klinik oder spezialisierten Einrichtung statt, wo der Patient rund um die Uhr betreut wird (Quelle: bzga-essstoerungen.de). Das ist vor allem dann notwendig, wenn eine akute gesundheitliche Gefährdung besteht – zum Beispiel bei Anorexie mit lebensbedrohlichem Untergewicht oder Elektrolytentgleisungen durch Bulimie. In einer stationären Therapie (oft in einer psychosomatischen oder psychiatrischen Klinik mit Schwerpunkt Essstörungen) können zunächst die körperlichen Funktionen stabilisiert werden (medizinische Überwachung, ggf. künstliche Ernährung) und dann in einem strukturierten Rahmen intensiv therapeutisch gearbeitet werden. Der große Vorteil: In einer Klinik steht ein multiprofessionelles Team bereit – Ärzte, Psychologen, Ernährungsberater, Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Sozialarbeiter – die eng zusammenarbeiten. Die Patienten nehmen an Einzel- und Gruppentherapien teil, erhalten Ernährungsrehabilitation, Körperwahrnehmungs-Übungen, manchmal kreativtherapeutische Angebote (Kunst, Musik) und lernen in einem geschützten Umfeld, wieder Alltag mit regelmäßigem Essen zu meistern. Stationär entzieht man sich außerdem den Triggern des Alltags (Waage, Social Media, familiäre Konflikte) und kann sich voll auf die Genesung konzentrieren. Nachteil sind natürlich die Kosten und die Tatsache, dass man für Wochen oder Monate aus dem normalen Leben raus ist – was z.B. beruflich oder schulisch organisiert werden muss.


Es gibt auch teilstationäre Angebote wie Tageskliniken, in denen man tagsüber Therapie erhält, aber abends nach Hause geht, was eine Zwischenlösung sein kann. Generell gilt: Schwer kranke Patienten sollten nicht zögern, auch stationäre Hilfe anzunehmen, da Essstörungen in fortgeschrittenem Stadium lebensbedrohlich sein können. Nach erfolgreicher stationärer Therapie schließt sich meist eine ambulante Nachbetreuung an, um den Übergang ins eigenständige Leben zu begleiten (Stichwort Nachsorge und Rückfallprophylaxe). In weniger schweren Fällen kann eine gut vernetzte ambulante Behandlung ausreichend sein – idealerweise unter Einbeziehung der Familie und mit regelmäßiger ärztlicher Kontrolle. Entscheidend ist, dass Hilfe gesucht wird – ob ambulant oder stationär, der erste Schritt ist, die Essstörung als solche zu erkennen und professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.


Fazit: Essstörungen wie Anorexie, Bulimie, Binge-Eating & Co. sind komplex, aber heilbar. Mit Aufklärung, dem richtigen Einsatz von Therapieformen und Unterstützung aus dem sozialen Umfeld können Betroffene den Weg aus der Essstörung finden. Wichtig für Angehörige und Betroffene ist, nicht die Hoffnung zu verlieren und frühzeitig Hilfe zu suchen. Jede Essstörung ist ernst zu nehmen – je besser man die Hintergründe und Möglichkeiten versteht, desto eher gelingt es, den Kreislauf zu durchbrechen und zu einem gesunden, freien Leben zurückzukehren.